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Radon ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Edelgas ohne
Geruch, Farbe oder Geschmack. Es entsteht durch den Zerfall von Radium, einem
Zerfallsprodukt des Urans, welches in unterschiedlichen
Konzentrationen in Gesteinen und Böden überall auf der Welt
vorkommt. Radon kann relativ leicht aus dem Boden entweichen und
sich über die Luft oder gelöst in Wasser verbreiten. In der Außenluft
sind die Radonkonzentrationen durch den Verdünnungseffekt sehr gering.
In geschlossenen Räumen kann sich jedoch Radon in der Raumluft anreichern. So sind die Radonkonzentrationen in Innenräumen im
allgemeinen höher als in der Außenluft und unter Tage im Bergbau zum
Teil extrem hoch. Gesundheitseffekte wurden deshalb als erstes
bei Bergarbeitern, die unter Tage gearbeitet haben, gefunden.
Wie entsteht eine Krebserkrankung ?
Die gesundheitliche Gefährdung geht weniger vom Radon selbst aus,
sondern von seinen kurzlebigen radioaktiven Zerfallsprodukten. Aufgrund
seiner Edelgaseigenschaften und der Halbwertszeit wird Radon zum
größten Teil wieder ausgeatmet. Die Atemluft enthält aber auch immer
die Zerfallsprodukte des Radons (radioaktive Isotope der Elemente
Polonium, Wismut und Blei), die überwiegend an die in der Luft
befindlichen Aerosole oder Staubteilchen angelagert sind. Diese werden
im Atemtrakt abgelagert und zerfallen dort vollständig. Die dabei
entstehende energiereiche Alphastrahlung trifft die
strahlenempfindlichen Zellen des Bronchialepithels. Aufgrund der
hohen biologischen
Wirksamkeit dieser Alphastrahlung kann es zu einer
Schädigung der Zellen führen und damit die Entstehung einer
Lungenkrebserkrankung begünstigen. Ein kleiner Teil des eingeatmeten
Radons und seiner Zerfallsprodukte kann über die Lunge ins Blut und
letztendlich auch in andere Organe gelangen. Die damit verbundenen
Organdosen und Krebsrisiken sind aber sehr gering. Das einzige
bisher nachgewiesene Gesundheitsrisiko durch Radon ist eine
Lungenkrebserkrankung.
Abb. Über die Atemwege gelangen Radon und seine Zerfallsprodukte in die Lunge
Was gibt es für Studien ?
Bereits im 16. Jahrhundert wurde bei untertage arbeitenden
Bergarbeitern in Schneeberg im Erzgebirge eine ungewöhnliche Häufung
von Lungenerkrankungen beobachtet und als „Schneeberger Bergkrankheit“
bezeichnet. Damals war noch unbekannt, dass es sich bei der Erkrankung
um Lungenkrebs handelt und was die Ursache hierfür ist. Vier Jahrhunderte
später wurde in einer Reihe von Bergarbeiterstudien gezeigt, dass Radon
und seine Zerfallsprodukte ursächlich für die Entstehung des
Bronchialkarzinoms ist. Radon wurde deshalb 1980 vom internationalen
Krebsforschungszentrum der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Lyon (IARC, International Agency for Research
on Cancer) als Karzinogen für den Menschen eingestuft.
Konsequenterweise stellte sich die Frage, ob nicht auch die wesentlich
geringeren Radonkonzentrationen, wie sie normalerweise in Wohnungen
vorkommen, ein Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung darstellen.
Seit den 80iger Jahren wurden deshalb in Europa, Nordamerika und
China mehr als 20 große epidemiologische Studien durchgeführt, die das
Lungenkrebsrisiko durch Radon in Wohnungen direkt untersuchten.
Darunter waren zwei große Studien aus Deutschland. Die Studien sind
alle abgeschlossen und liegen publiziert vor. Sie zeigen
übereinstimmend ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko durch Radon in
Wohnungen. Die Risikoschätzer sind im Bereich vergleichbarer
Expositionshöhe den Risikoschätzern aus Bergarbeiterstudien sehr
ähnlich.
Europäische Studien zu Lungenkrebs und Radon in Wohnungen
Die wichtigste, weil größte und damit aussagekräftigste Studie ist
die 2005 publizierte gemeinsame Auswertung von 13 europäischen Studien
(Darby et al. 2005 und Kreuzer 2005). In die Studie
gingen insgesamt 7.148 Lungenkrebspatienten und 14.208 Kontrollpersonen
ohne diese Erkrankung ein. Bei den Studienteilnehmern wurde in den
jetzigen und früheren Wohnungen die Radonkonzentrationen über
mindestens ein halbes Jahr gemessen. Ferner wurden alle
Studienteilnehmer detailliert nach ihrem lebenslangem Rauchverhalten
und anderen Risikofaktoren für Lungenkrebs befragt. Für jeden
Studienteilnehmer wurde der zeitgewichtete Mittelwert der
Radonkonzentrationen für die in den letzten 5 bis 35 Jahren bewohnten
Wohnungen berechnet. In allen Risikoanalysen wurden wichtige
Störfaktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchen und Region berücksichtigt.
Aktuelle Risikobewertung
Die Ergebnisse dieser Studie bilden die wesentliche Grundlage für
die 2005 erfolgte Neubewertung des radonbedingten Gesundheitsrisikos
durch das BfS und die deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) sowie für die aktuelle Bewertung durch die
Weltgesundheitsorganisation in Genf (WHO, 2009). Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Der Expositions-Wirkungs-Zusammenhang ist annähernd linear ohne
Hinweis auf einen Schwellenwert, d. h. das Lungenkrebsrisiko erhöht sich
proportional mit steigender Radonkonzentration. Dabei nimmt das Risiko
um ca. 10% pro Anstieg der Radonkonzentration um 100 Bq/m3 zu. So hat
beispielsweise eine Person, die dauerhaft einer Radonkonzentration von
100 Bq/m3 ausgesetzt ist, im Vergleich zu einer Person, die nie Radon
ausgesetzt sind, ein um ca. 10% höheres Lungenkrebsrisiko bzw. eine
Person mit 200 Bq/m3 ein 20% höheres Risiko usw.
- Die Berücksichtigung von Unsicherheiten in der retrospektiven
Expositionsabschätzung führt zu einer Erhöhung des Risikoschätzers. Nach Korrektur für
solche Unsicherheiten ergab sich in der europäischen Studie ein
Risikoschätzer von 16% pro Anstieg der Radonkonzentration um 100
Bq/m3.
- Selbst bei Einschränkung der Risikorechnung auf Studienteilnehmer mit
weniger als 200 Bq/m3 wird mit einem linearen
Expositions-Wirkungs-Modell ein statistisch signifikantes Risiko
nachgewiesen.
- Werden nur lebenslange Nichtraucher
betrachtet, so findet sich ebenfalls ein statistisch signifikanter
Risikoanstieg von etwa 10%.
- Das relative Lungenkrebsrisiko durch Radon ist für Raucher und
lebenslange Nichtraucher vergleichbar hoch. Da Raucher aber ein
wesentlich höheres Ausgangsrisiko für Lungenkrebs haben, führt ein
vergleichbar hohes relatives Risiko zu einem deutlich höheren absoluten
Risiko für Raucher als für Nichtraucher. Die Mehrheit der
radoninduzierten Lungenkrebsfälle stellen deshalb Raucher dar.
- Tabelle 1 zeigt für Raucher und Nichtraucher getrennt die
Wahrscheinlichkeit bis zum Alter von 75 Jahren an Lungenkrebs zu
versterben in Abhängigkeit von der Radonkonzentration. Dabei wurde von
folgenden Voraussetzungen ausgegangen:
(1) Ein Raucher hat ein ca.
25fach höheres Lungenkrebsrisiko als ein lebenslanger Nichtraucher.
(2)
Der lineare Risikoanstieg beträgt 16% pro Anstieg der
Radonkonzentration um 100 Bq/m3 unabhängig vom Raucherstatus.
- In der Gruppe der Raucher erhöht sich das Risiko bis zum 75-igsten
Lebensjahr an Lungenkrebs zu sterben von 101 auf 216 pro 1000 Personen
bei 800 Bq/m3 im Vergleich zu 0 Bq/m3, in der Gruppe der lebenslangen
Nichtraucher hingegen nur von 4 auf 9 pro 1000 Personen.
Tabelle 1: Wahrscheinlichkeit bis zum 75.
Lebensjahr an Lungenkrebs zu versterben in Abhängigkeit von der
Radonkonzentration (Quelle: Darby et al. 2005)
| Radonkonzentration in Bq/m3 |
Todesfälle je 1000 Nichtraucher |
Todesfälle je 1000 Raucher |
0
|
4,1 |
101 |
| 100 |
4,7 |
116 |
| 200 |
5,4 |
130 |
| 400 |
6,7 |
160 |
| 800 |
9,3 |
216 |
- In der gemeinsamen europäischen Auswertung wurde eine grobe
Abschätzung des Anteils der durch Radon in Wohnungen verursachten
Lungenkrebstodesfälle in Europa vorgenommen. Nach UNSCEAR 2000 beträgt
der bevölkerungsgewichtete Mittelwert der Radonkonzentration in
Wohnungen in der Europäischen Union etwa 59 Bq/m3. Geht man von einem
linearen Risikoanstieg von 16% pro 100 Bq/m3 aus, so verursacht Radon
in Wohnungen in Europa 9% aller Lungenkrebstodesfälle und 2% aller
Krebstodesfälle. Absolut gesehen heißt dies, dass ca. 20.000
Lungenkrebstote pro Jahr in der Europäischen Union durch Radon
verursacht werden (Darby et al. 2005).
- In Deutschland beträgt die durchschnittliche Radonkonzentration in Wohnungen 49 Bq/m3.
Nach neuesten Abschätzungen werden in Deutschland ungefähr 5% aller
Lungenkrebssterbefälle pro Jahr durch Radon in Wohnungen verursacht.
Dies entspricht in absoluten Zahlen ungefähr 1.900 durch Radon
verursachte Todesfälle pro Jahr (Menzler et al. 2006).
(Menzler S., Schaffrath-Rosario
A., Wichman H.E., Kreienbrock L.: Abschätzung des attributablen
Lungenkrebsrisikos in Deutschland durch
Radon in Wohnungen. Ecomed-Verlag, Landsberg, 2006)
WHO-Radonhandbuch
Im Radonhandbuch der WHO, das im Jahr 2009 veröffentlicht
wurde, finden sich ausführliche Informationen zu
- Risikobewertung
- Radonmessung
- Radonsanierung und –präventionsmaßnahmen
- Kosteneffektivitätsschätzungen
- Risikokommunikation
- Nationale Radonprogramme
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