Risikowahrnehmung der Öffentlichkeit zur Mobilfunktechnologie
Diskussionen über mögliche gesundheitliche Risiken durch hochfrequente elektromagnetische Felder, zum Beispiel in der Umgebung von Rundfunk- und Fernsehsendern, finden schon seit vielen Jahren statt. Der rasante Ausbau der Mobilfunknetze und der starke Anstieg der Zahl der Mobilfunknutzer vor einigen Jahren hat in der Öffentlichkeit zu einer verstärkten Diskussion um die möglichen Risiken der Mobilfunktechnologie geführt.

Nutzen und Akzeptanz der Mobilfunktechnologie

Die Mobilfunktechnologie ist gekennzeichnet durch eine hohe Akzeptanz in großen Teilen der Bevölkerung. In den letzten Jahren war ein rasanter Anstieg der Handy-Nutzung zu verzeichnen. In einigen Bevölkerungsgruppen liegt die Nutzung des Mobiltelefons bereits höher als die Nutzung von Festnetztelefonen. Die Bundesnetzagentur gibt die Teilnehmerzahl im Mobilfunkbereich für das Jahr 2009 mit 108,3 Millionen an. Im Durchschnitt entfallen damit auf jeden Einwohner in Deutschland etwa 1,3 SIM-Karten. Da ein Teilnehmer mehrere Verträge haben kann (zum Beispiel für Handys oder auch Mobilfunkkarten für Rechner), ist allerdings anzunehmen, dass die tatsächliche Zahl der Mobilfunknutzer niedriger ist.

Einer aktuellen Befragung zufolge, die das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Auftrag gegeben hat, nutzten im Jahr 2009 81 Prozent der Deutschen ein Handy (Anteil der Befragten, die in den letzten sechs Monaten mit dem Handy telefoniert haben). Das tatsächliche Ausmaß der Handynutzung ist dabei von Person zu Person sehr unterschiedlich. Ausführliche Informationen hierzu sind in den Berichten über die Umfragen zu Mobilfunk 2003 bis 2006 und 2009 zu finden. Das Handy ist in der Bevölkerung zu einem wichtigen Alltagsgegenstand geworden, mit dem zum Beispiel Familienleben, Arbeit und Freizeit organisiert werden. Insbesondere in Notfällen bietet das Handy eine praktische Möglichkeit, um schnell Hilfe zu rufen. Dies wird auch anhand der Befragungsergebnisse verdeutlicht.

Diskussionen um die möglichen Risiken des Mobilfunks

Der Ausbau der Mobilfunknetze in den vergangenen Jahren hat auch eine Diskussion um mögliche gesundheitsbeeinträchtigende Wirkungen der hochfrequenten elektromagnetischen Felder des Mobilfunks entfacht. Eine besondere Rolle spielen mögliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche, die auf viele Umwelteinflüsse empfindlicher reagieren als Erwachsene und deshalb aus Gründen der Vorsorge besonders berücksichtigt werden müssen.

In den Debatten wird eine Vielzahl tatsächlicher oder vermuteter Risikofaktoren diskutiert - häufig prallen fundierte Informationen, Vermutungen und festgeprägte Überzeugungen aufeinander. Extreme Positionen bestimmen seit einigen Jahren die öffentlichen Diskussionen, die entweder ein mögliches Risiko dramatisieren oder vollständig verneinen. Es treffen sehr unterschiedliche Meinungen über die biologischen Wirkungen der elektromagnetischen Felder des Mobilfunks aufeinander.

Neben den gesundheitlichen Risiken werden auch andere Themenbereiche diskutiert, wie zum Beispiel die Grundlagen der deutschen Immissionsschutz-Grenzwerte oder das komplexe Feld des Ineinandergreifens von Politik, Mobilfunkbetreibern und Strahlenschutzgremien.

Kritik und Proteste in der Bevölkerung

Verschiedene Untersuchungen haben eine grundlegende Kritik der Öffentlichkeit aufgezeigt, die sich auf das Gefühl der mangelnden Information über die verschiedenen Teilbereiche des Themas "Mobilfunk" erstreckt. So stößt zum Beispiel der Streit unter Wissenschaftlern über die Qualität und Bedeutung einzelner Studien zu biologischen Wirkungen hochfrequenter Felder auf wenig Verständnis in der Öffentlichkeit und wird oft als bewusstes Zurückhalten wichtiger Ergebnisse interpretiert. Hinzu kommen die nach wie vor bestehenden und offen kommunizierten wissenschaftlichen Unsicherheiten über die biologischen Wirkungen der elektromagnetischen Felder des Mobilfunks. Die Frage, ob Vorsorgemaßnahmen erforderlich sind und wenn ja, welche Maßnahmen sinnvoll und notwendig sind, wird ebenfalls in der Öffentlichkeit, der Politik, in den Behörden, in den Medien und von verschiedenen Interessengruppen sehr unterschiedlich diskutiert. Dies hat zur erheblichen Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung beigetragen.

In der Folge kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Protesten gegen einzelne Sendeanlagen. Es bildeten sich zahlreiche Bürgerinitiativen, die sich zumeist auf die Verhinderung der Errichtung einer bestimmten Sendeanlage konzentrierten. Als wichtiges Argument wird die starke und dauerhafte Exposition ("das Ausgesetztsein") gegenüber den elektromagnetischen Feldern der Sendeanlagen vorgebracht: Dieser Dauerexposition könne man nicht entkommen, wohingegen man über die Nutzung des Handys selbst entscheiden könne.

Zudem wurde das Vorgehen der Mobilfunkbetreiber bei der Errichtung neuer Mobilfunkanlagen häufig kritisiert. Besonders in der Vergangenheit herrschte das Gefühl vor, dass Antennen in "Nacht- und Nebel-Aktionen" errichtet und bisweilen sogar getarnt werden, oder dass Sendeanlagen den Menschen "einfach vor die Nase gesetzt" werden, ohne Bürgerinnen und Bürger zu beteiligen.

Selbstverpflichtung der Mobilfunknetzbetreiber: Verbesserung von Information und Kommunikation

Aufgrund des starken öffentlichen Drucks werden die Forderungen nach einer Verbesserung der Information der Öffentlichkeit und der engen Einbindung der Kommunen in Diskussions- und in Entscheidungsfindungsprozesse seit einigen Jahren stärker bei der Netzplanung und -realisierung berücksichtigt.

Zentrale Aspekte sowohl in der sogenannten Verbändevereinbarung als auch in der Selbstverpflichtung der Mobilfunkbetreiber gegenüber der Bundesregierung vom Dezember 2001 sind
  • eine bessere Beteiligung der Kommunen bei der Standortwahl;
  • eine intensivere Information der Öffentlichkeit;
  • die Zusage, verstärkt darauf zu achten, dass die Exposition insbesondere in der Nähe von sogenannten "sensiblen Einrichtungen" wie Kindergärten, Schulen oder auch Wohnhäusern minimiert wird.

Gutachten zur Umsetzung der Selbstverpflichtung

Trotz dieser Bemühungen im Rahmen der Selbstverpflichtung fühlt sich die Bevölkerung oftmals immer noch bei der Wahl neuer Standorte zu wenig beteiligt. Die jährlichen Gutachten zur Umsetzung der Selbstverpflichtung, die bislang siebenmal für die Jahre 2002 bis 2007 und 2009 erstellt wurden, zeigen zwar, dass die Kommunikation und Kooperation zwischen Betreibern und Kommunen verbessert werden konnte. Sie zeigen aber auch, dass es trotz dieser Fortschritte nach wie vor Konflikte um die Festlegung von Standorten gibt, und dass die Einbeziehung der Bürger weiterhin schwierig ist.

Im Rahmen dieser Gutachten wurden auch die Informationen der Mobilfunkbetreiber zu verschiedenen Aspekten des Mobilfunks kritisch hinterfragt und Verbesserungspotenzial aufgezeigt.

Bereitstellung von zielgruppengerechten Informationen nötig

Eine Ursache für die Schwierigkeiten beim sachlichen Dialog mit der Öffentlichkeit liegt im mangelnden Verständnis der Bevölkerung für die komplexe Technologie des Mobilfunks, die ein hohes Maß an physikalischen und technischen Vorkenntnissen erfordert. Dies erschwert auch die Vermittlung von sinnvollen und notwendigen Vorsorgemaßnahmen in der Öffentlichkeit und führt zum Teil zu deren Ablehnung. Dazu kommt die Verunsicherung über die Richtigkeit von Medienberichten und die Frage, welchen Aussagen über wissenschaftliche Erkenntnisse man Glauben schenken kann.

Um eine gezielte Bereitstellung von Informationen über den Mobilfunk zu ermöglichen, hat das BfS im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms mehrere Studien in Auftrag gegeben, welche die Wahrnehmung und Informationsbedürfnisse der Bevölkerung im Bereich Mobilfunk näher beleuchteten. So hat das BfS zum Beispiel im Jahr 2004 eine Studie beauftragt, die herausfinden sollte, welche Zielgruppen es in Deutschland für Informationsmaßnahmen im Bereich Mobilfunk gibt, und wie diese am besten angesprochen werden können. Die Studie identifizierte fünf zentrale Zielgruppen, die über ihre jeweils spezifische Einstellung zum Mobilfunk hinaus auch durch weitere Merkmale gekennzeichnet sind. Die Ergebnisse der Studie und eine Bewertung des BfS finden Sie hier und im Abschlussbericht zum Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramm im Kapitel 7 und in den Erläuterungen im Anhang 1 IV.

Umfragen zu Ängsten und Befürchtungen der Bevölkerung

Der Vergleich der Wahrnehmung gesundheitlicher Risiken durch mobilfunkrelevante Strahlungsquellen mit anderen möglichen gesundheitlichen Risikofaktoren zeigt, dass der Grad der Besorgnis über Mobilfunksendeanlagen und Handys deutlich hinter dem wegen des Verzehrs von Fleisch unbekannter Herkunft und von gentechnisch veränderten Lebensmitteln, wegen der Luftverschmutzung, den Nebenwirkungen von Medikamenten, der UV-Strahlung, starkem Zigarettenrauchen sowie übermäßigem Alkoholgenuss liegt (für eine größere Ansicht auf das Bild klicken).

Zur Ermittlung der Wahrnehmung und Sorgen der Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Mobilfunk gab das BfS in den Jahren 2003 bis 2006 jährlich repräsentative Umfragen in der Bevölkerung in Auftrag. Eine Wiederholung der Befragung wurde im Jahr 2009 durchgeführt.

Ein Vergleich der Ergebnisse der Befragung von 2009 mit den Ergebnissen der Befragungsreihe 2003 bis 2006 zeigt, dass sich die Stimmungslage in der Bevölkerung hinsichtlich der Besorgnis und Beeinträchtigung durch elektromagnetische Felder, die von Mobilfunksendeanlagen, Handys oder schnurlosen Festnetztelefonen ausgehen, in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert hat: Die Anteile der Bevölkerung, die sich im Jahr 2009 im Hinblick auf hochfrequente elektromagnetische Felder des Mobilfunks als besorgt (31 Prozent) oder gesundheitlich beeinträchtigt (zehn Prozent) beschreiben, haben sich seit Beginn der Befragungen im Jahr 2003 nicht nennenswert verändert. Abhängig vom Ausmaß der Besorgnis beziehungsweise Beeinträchtigung durch elektromagnetische Felder werden entweder eher Mobilfunksendeanlagen oder Handys als stärkster Grund für die Besorgnis oder empfundene Beeinträchtigung genannt. Die meistgenannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch elektromagnetische Felder beziehen sich auf Kopfschmerzen und Schlafprobleme.

Die Gründe für die Nichtnutzung von Handys waren über die Jahre hinweg nicht zwingend eine Ablehnung dieses Kommunikationsmittels, sondern schlicht mangelnder Bedarf.

Der Vergleich der Wahrnehmung gesundheitlicher Risiken durch mobilfunkrelevante Strahlungsquellen mit anderen möglichen gesundheitlichen Risikofaktoren zeigt, dass der Grad der Besorgnis über Mobilfunksendeanlagen und Handys deutlich hinter dem wegen des Verzehrs von Fleisch unbekannter Herkunft und von gentechnisch veränderten Lebensmitteln, wegen der Luftverschmutzung, den Nebenwirkungen von Medikamenten, der UV-Strahlung, starkem Zigarettenrauchen sowie übermäßigem Alkoholgenuss liegt (siehe Abbildung).

Elektrosensibilität und Mobilfunk

Personen, die gesundheitliche Beschwerden auf das Vorhandensein elektrischer und magnetischer Felder zurückführen, bezeichnen sich zum Teil selbst als "elektrosensibel". Das Phänomen der Elektrosensibilität gibt es schon seit vielen Jahren, wobei die Beschwerden zunächst auf die niederfrequenten Felder des Haushaltsstroms zurückgeführt wurden. Seit dem starken Ausbau der Mobilfunknetze werden auch die hochfrequenten elektromagnetischen Felder als mögliche Ursachen genannt.

Eine Beurteilung der Problematik wird dadurch erschwert, dass in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen bisher kein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein elektromagnetischer Felder und den gesundheitlichen Beschwerden festgestellt werden konnte. Viele Wissenschaftler sind daher der Meinung, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und den Beschwerden elektrosensibler Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann.

Auch im Rahmen des vom BfS betreuten Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms (DMF) wurden mögliche Zusammenhänge erforscht, wobei der Schwerpunkt der Untersuchungen auf den hochfrequenten Feldern lag. Zusätzlich wurden allgemeine Daten der Elektrosensiblen erhoben, wie zum Beispiel deren Anteil an der Bevölkerung, demographische Daten und allgemeine gesundheitsrelevante Parameter. In einem weiteren Forschungsvorhaben im Rahmen des DMF wurden die Möglichkeiten einer verbesserten Kommunikation mit elektrosensiblen Personen untersucht.

Zukünftige Forschung

Zahlreiche Studien zum gesellschaftlichen und individuellen Umgang mit Risiken kamen zu dem Ergebnis, dass auf den Ebenen der Wahrnehmung, Verarbeitung und Verhaltensreaktion verschiedene Faktoren die Bedeutung eines Themas in der Öffentlichkeit beeinflussen.

Es ist davon auszugehen, dass es auch in Zukunft Konfliktpotential bei der Errichtung von Sendeanlagen geben wird – zum Beispiel im Rahmen des Aufbaus des Digitalfunks BOS. Nach wie vor bestehen teilweise starke Diskrepanzen zwischen den von Teilen der Bevölkerung befürchteten Risiken und den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung. Daher werden neben der Weiterführung wissenschaftlicher Untersuchungen über mögliche biologische Wirkungen der elektromagnetischen Felder des Mobilfunks auch die Themen der Risikowahrnehmung und der Risikokommunikation im Zusammenhang mit dem Mobilfunk weiterhin Gegenstand der Forschung sein.

Im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms wurden dazu in Studien die Wahrnehmung der Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Thema Mobilfunk detailliert erfasst und ein möglicher Wandel in den verschiedenen Aspekten der Wahrnehmung untersucht. Zudem wurden Faktoren und Prozesse näher beleuchtet, die bei der spezifischen Wahrnehmung und beim Umgang mit dem Thema Mobilfunk in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen.

Die Ergebnisse sind Grundlage für die Weiterentwicklung praktischer Konzepte, die bei der Optimierung der Risikokommunikation des BfS im Sinne einer umfassenden und objektiven Information der Öffentlichkeit umgesetzt werden können.

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