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Kerntechnik > Nukleare Unfälle > Tschernobyl > Fragen und Antworten
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Fragen und Antworten
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- Was ist im Reaktor von Tschernobyl passiert?
- Kann das in deutschen Kernkraftwerken auch passieren?
- Die Reaktionen der Verantwortlichen in Deutschland
kamen damals spät und waren widersprüchlich. Was ist seither
unternommen worden, damit die Bevölkerung rechtzeitig, richtig und
eindeutig informiert und gewarnt wird?
- Welche radioaktiven Stoffe wurden durch den
Reaktorunfall in Tschernobyl freigesetzt? Welche Halbwertszeiten haben sie?
- Welche radioaktiven Stoffe sind heute noch messbar?
- Man hört widersprüchliche Aussagen zu
Todesfällen und Krankheiten nach Tschernobyl. Wie schätzt das
BfS die Lage in der Umgebung von Tschernobyl ein?
- Ist es in Deutschland / in anderen Ländern
Mitteleuropas zu Krankheiten / Todesfällen durch die
Reaktorkatastrophe in Tschernobyl gekommen?
- Lassen sich überhaupt bestimmte Krankheiten
auf den Fallout direkt zurückführen? Wenn nein, warum nicht?
- Übertragen Kinder aus Tschernobyl die Strahlenkrankheit?
- Wo ist der radioaktive Niederschlag niedergegangen?
- Wie stark ist Deutschland noch radioaktiv belastet?
- Sind Lebensmittel noch radioaktiv belastet?
- Warum sind Waldbeeren und Pilze höher belastet
als Feldfrüchte?
- Sind Wasser (Grundwasser) und Luft noch radioaktiv belastet?
Was ist im Reaktor von Tschernobyl passiert?
Der Unfall ereignete sich im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl – einem Reaktortyp sowjetischer Bauart. Der Reaktor befand sich in der Phase eines planmäßigen langsamen Abschaltens, um routinemäßige Instandhaltungs- und Prüfarbeiten durchzuführen (Revision). Gleichzeitig war ein Versuch zur Überprüfung verschiedener Sicherheitseigenschaften der Anlage vorgesehen. Grundlegende Auslegungsmängel der Anlage zusammen mit Fehlern und Verstößen bei der Betriebsführung führten zur Reaktorkatastrophe. Ausführliche Informationen lesen Sie im Artikel "Der Unfall von Tschernobyl".
Kann das in deutschen Kernkraftwerken auch passieren?
Die Reaktorsicherheitskommission stellte im November 1986 zur Übertragbarkeit des Unfalls auf deutsche Anlagen fest, "dass eine prompt kritische Leistungsexkursion, wie sie sich in Tschernobyl ereignet hatte, aufgrund der inhärenten physikalischen Eigenschaften und der technischen Ausrüstung in einem Leichtwasserreaktor deutscher Bauart ausgeschlossen sei und dass das Sicherheitskonzept von Kernkraftwerken in der Bundesrepublik Deutschland durch den Unfall in Tschernobyl nicht in Frage gestellt sei."
Der Unfall in Tschernobyl beruht auf den reaktorphysikalischen Eigenschaften eines wassergekühlten und mit Graphit moderierten Reaktors. Für die in Deutschland verwendeten Leichtwasserreaktoren ist ein solcher Ablauf nicht möglich. Allerdings sind bei unterstelltem Ausfall aller Sicherheitseinrichtungen andere Unfallabläufe denkbar, die zu einer Kernschmelze führen könnten. Informationen zum Ablauf einer Kernschmelze finden Sie unter "Fragen und Antworten zu kerntechnischen Aspekten der Ereignisse in Japan".
Die Reaktionen der Verantwortlichen in Deutschland kamen damals spät und waren widersprüchlich. Was ist seither unternommen worden, um die Bevölkerung rechtzeitig, richtig und eindeutig zu informieren und zu warnen?
Sowohl in der ehemaligen DDR als auch in der BRD erkannte man, dass die Bereitstellung von Daten zur Beurteilung der Lage systematisiert werden muss. Das Messnetz zur Überwachung der Umweltradioaktivität ist in den Folgejahren massiv ausgebaut und die Entscheidungsfindung wesentlich strukturiert worden. Heute bündelt das "Integrierte Mess- und Informationssystem zur Überwachung der Umweltradioaktivität" (IMIS) alle Messwerte und Informationen aus Bund und Ländern und bildet die Grundlage einer zielgerichteten und transparenten Informationspolitik im Ereignisfall mit eindeutigen Empfehlungen.
Welche radioaktiven Stoffe wurden durch den
Reaktorunfall in Tschernobyl freigesetzt? Welche Halbwertszeiten haben sie?
Es wurde eine Fülle radioaktiver Stoffe mit unterschiedlichen Halbwertszeiten in die Atmosphäre freigesetzt. Genauere Informationen dazu finden Sie im Artikel "Der Unfall von Tschernobyl".
Welche radioaktiven Stoffe sind heute noch
messbar?
Von den beim Tschernobyl-Unfall freigesetzten radioaktiven
Stoffen ist in Deutschland lediglich noch das Cäsiumisotop
137 praktisch messbar. Cäsium wurde als flüchtiger
Stoff in größeren Mengen freigesetzt und wurde weit
transportiert. Aufgrund der Halbwertzeit von etwa 30 Jahren ist dieses
Radioisotop erst zu knapp 40 Prozent zerfallen. Mehr dazu erfahren Sie im Artikel "Umweltfolgen".
Man hört widersprüchliche Aussagen
zu Todesfällen und Krankheiten nach Tschernobyl. Wie schätzt
das BfS die Lage in der Umgebung von Tschernobyl ein?
Gesundheitliche Wirkungen wurden bisher bei den Beschäftigten und Einsatzkräften beobachtet, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren. Außerdem ist die Zahl der Schilddrüsen-Krebserkrankungen bei Personen, die als Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in den am höchsten betroffenen Regionen mit Iod-131 exponiert worden waren, deutlich erhöht. Über weitere Krebserkrankungen in diesen Regionen liegen bisher keine belastbaren Daten vor. Das Gleiche gilt für die außerhalb der ehemaligen Sowjetunion betroffenen Regionen.
Ist es in Deutschland oder in anderen Ländern Mitteleuropas zu Krankheiten oder Todesfällen durch die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl gekommen?Es gibt bisher keinen Nachweis, dass in Deutschland oder anderen Ländern Mittel- oder Nordeuropas negative gesundheitliche Strahleneffekte durch den Tschernobyl-Unfall verursacht wurden.
Weitere Informationen finden Sie unter "Gesundheitliche Folgen in Deutschland und Europa außerhalb der ehemaligen Sowjetunion".
Lassen sich überhaupt bestimmte Krankheiten auf den Fallout direkt zurückführen? Wenn nein, warum nicht?
Strahlenbedingte Krebsfälle, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Katarakte können nur mit epidemiologisch-statistischen Methoden in relativ großen Personengruppen aufgrund erhöhter Erkrankungsraten ermittelt werden. Sie lassen sich nicht bei Einzelpersonen aufgrund des Krankheitsbildes feststellen. Strahlenbedingte Erkrankungen unterscheiden sich im Krankheitsbild nicht von so genannten spontanen Erkrankungen.
Übertragen Kinder aus Tschernobyl die Strahlenkrankheit?Aus der Sicht des Strahlenschutzes gibt es keinerlei Bedenken, Kinder aus der Region Tschernobyl zu Hause aufzunehmen, auch nicht bei längeren Aufenthaltsdauern. Von den Kindern, die aus höher kontaminierten Gegenden in der Umgebung von Tschernobyl zu Gast nach Deutschland kommen, geht keinerlei gefährliche Strahlung aus. Mitgebrachte Gegenstände sind ebenfalls ungefährlich.
Wo ist der radioaktive Niederschlag
niedergegangen?
Durch den Tschernobyl-Unfall wurden große Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre freigesetzt. Diese verteilten sich im Nahbereich in Belarus, Ukraine und Russland und darüber hinaus über die Nordhalbkugel, insbesondere über Europa. Durch die sich stark verändernden meteorologischen Verhältnisse bildeten sich mehrere radioaktive Wolken in unterschiedlichen Himmelsrichtungen. Die anfangs vorherrschende Luftströmung transportierte die radioaktiven Stoffe über Polen nach Skandinavien. Eine zweite Wolke zog über die Slowakei, Tschechien und Österreich nach Deutschland.
Die dritte Wolke erreichte schließlich die Länder Rumänien, Bulgarien, Griechenland und die Türkei. Die daraus resultierende radioaktive Kontamination in den betroffenen Gebieten variierte erheblich in Abhängigkeit vom Auftreten und der Stärke des Niederschlags während des Durchzugs der radioaktiven Luftmassen.
In Deutschland wurde der Süden, bedingt durch heftige lokale Niederschläge, deutlich höher belastet als der Norden. Lokal wurden im Bayerischen Wald und südlich der Donau bis zu 100.000 Becquerel Cäsium-137 pro Quadratmeter abgelagert. In der norddeutschen Tiefebene betrug die Aktivitätsablagerung dieses Radionuklids dagegen selten mehr als 4.000 Becquerel pro Quadratmeter.
Weitere Informationen finden Sie unter "Umweltfolgen".
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Wie stark ist Deutschland noch radioaktiv belastet?
In Deutschland wurde nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl eine Vielzahl von Radionukliden abgelagert. Viele der meist kurzlebigen Radionuklide sind heute praktisch vollständig zerfallen. Für die Strahlenexposition infolge des Reaktorunfalls spielt heute praktisch nur noch das langlebige Cäsium-137 eine Rolle, das aufgrund seiner Halbwertszeit von etwa 30 Jahren erst zu etwa 40 Prozent zerfallen ist. Dabei ist ein Teil an Bodenbestandteile gebunden, so dass es dem biologischen Kreislauf entzogen ist. Das im Boden befindliche Cs-137 trägt in den am höchsten kontaminierten Gebieten Südbayerns nur noch etwa 5 Prozent zusätzlich zur gemessenen natürlichen Ortsdosisleistung bei. Neben dem Reaktorunfall von Tschernobyl tragen auch die Radionuklide, die aus den oberirdischen Kernwaffenversuchen stammen, zur radioaktiven Belastung Deutschlands bei.
Weitere Informationen finden Sie unter "Umweltfolgen".
Sind Lebensmittel noch radioaktiv belastet?
Landwirtschaftliche Kulturen, die erst nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl ausgesät oder angepflanzt wurden, waren bereits im Sommer 1986 pro kg nur noch mit wenigen Bq Radiocäsium kontaminiert. Auch heute liegt der Gehalt von Cs-137 in landwirtschaftlichen Produkten aus inländischer Erzeugung in dieser Größenordnung und darunter. In Deutschland werden mit Nahrungsmitteln aus landwirtschaftlicher Erzeugung im Mittel rund 100 Bq Cs-137 pro Person und Jahr aufgenommen.
Ganz anders stellt sich die Situation bei Nahrungsmitteln des Waldes dar. Insbesondere bei Speisepilzen und Wildbret können auch mehr als 20 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl deutlich erhöhte Cs-137-Aktivitäten gemessen werden. Der Cäsiumgehalt von Waldprodukten nimmt in der Regel nur langsam ab. Höher kontaminierte Nahrungsmittel aus dem Wald sind in den Teilen Deutschlands zu erwarten, die vom Tschernobyl-Fallout besonders betroffen waren. Dies sind insbesondere der Bayerische Wald und die Gebiete südlich der Donau. In anderen Regionen, wie etwa dem Norden Deutschlands, sind die Aktivitätswerte wegen der geringeren Ablagerung von Radiocäsium entsprechend niedriger. Eine auch lokal sehr hohe Schwankungsbreite des Cs-137-Gehalts ist für wild wachsende Pilze und Wildbret charakteristisch.
Wer für sich persönlich die Strahlenbelastung so gering wie möglich halten möchte, sollte deshalb auf den Verzehr von vergleichsweise hoch kontaminierten Pilzen und Wildbret, wie aus dem Bayerischen Wald, insbesondere Wildschweinen, verzichten.
Weitere Informationen finden Sie unter "Umweltfolgen".
Warum sind Waldbeeren und Pilze höher
belastet als Feldfrüchte?
Radiocäsium kann auf den mineralischen Böden vieler Ackerflächen stark an bestimmte Tonminerale gebunden werden. Dadurch steht es nur in sehr geringem Maß für die Aufnahme über die Wurzeln zur Verfügung.
Wälder zeichnen sich durch so genannte organische Auflageschichten auf den Mineralböden aus. Diese Schichten entstanden aus sich zersetzender Streu. Dort ist Cäsium leicht verfügbar. Bodenorganismen, Pilze und Pflanzen nehmen es leicht auf. Cäsium bleibt in die für nährstoffarme Ökosysteme typischen, sehr wirkungsvollen Nährstoffkreisläufe eingebunden und wandert deshalb kaum in die mineralischen Bodenschichten ab. Dort kann es - ähnlich wie auf landwirtschaftlichen Böden - durch bestimmte Tonminerale fixiert werden. Die Cäsium-137-Aktivität von Speisepilzen und Wildbret kann deshalb noch deutlich erhöht sein und wird nur langsam abnehmen.
Sind Wasser (Grundwasser) und Luft noch radioaktiv belastet?
Weder in Luft noch in Wasser ist heute nennenswerte
Radioaktivität messbar, die auf den Tschernobyl-Unfall
zurückgeführt werden kann.
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