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Grundlagen
Natürliche Wässer wie Grund- und Quellwässer enthalten neben
anderen Mineralien in Spuren stets auch natürlich radioaktive Stoffe.
Dies gilt für Trinkwässer und in besonderer Weise für Mineralwässer,
die häufig aus sehr tief liegenden Wasservorkommen gefördert werden und
damit einen höheren Mineralisierungsgrad aufweisen.
In Abhängigkeit von den örtlichen hydrogeologischen
Gegebenheiten und unterschiedlichen Gehalten der Untergrundgesteine an
Uran und Thorium variieren die Aktivitätskonzentrationen der im
Mineralwasser enthaltenen natürlichen Radionuklide der radioaktiven
Uran- und Thorium-Zerfallsreihen, wie z. B. Uran-238, Uran-235,
Uran-234, Radium-226, Radium-228, Blei-210, Polonium-210 und
Actinium-227, bei zugleich unterschiedlicher Zusammensetzung in weiten
Grenzen. Charakteristisch ist daher eine sehr hohe Bandbreite der
Messwerte für verschiedene Mineralwässer. Aus früheren Untersuchungen
ist bekannt, dass höhere Radioaktivitätswerte oftmals in Wässern aus
granitisch geprägten Gebieten auftreten, z. B. im Erzgebirge, Vogtland,
Fichtelgebirge, Bayerischen Wald und Schwarzwald.
Beim Trinken werden die im Mineralwasser enthaltenen
natürlichen Radionuklide vom menschlichen Organismus aufgenommen und
bewirken dadurch eine Strahlenexposition des Verbrauchers. Diese
Strahlenexposition (Ingestionsdosis) ist abhängig von den
Strahlungseigenschaften der Radionuklide, den Aktivitätskonzentrationen
im Wasser, der Menge des konsumierten Wassers sowie vom Lebensalter.
Natürliche Mineralwässer unterliegen nach der Mineral- und
Tafelwasserverordnung von 1990 (Mineralwasserverordnung) einer
amtlichen Anerkennung, d. h. sie müssen von ursprünglicher Reinheit
sein und dürfen in ihren wesentlichen Bestandteilen nicht verändert
werden. Die natürliche Radioaktivität wurde bisher nicht regelmäßig
überwacht, da sie naturgegeben ist. Dementsprechend wurden bisher auch
keine Grenz- oder Richtwerte festgelegt. Da Mineralwässer aus einigen
Quellorten erhöhte natürliche Radioaktivität aufweisen, haben
Medienberichte über diese Thematik in der deutschen Öffentlichkeit
große Aufmerksamkeit gefunden.
Untersuchungsprogramm
Der Mineralwasserkonsum ist in den zurückliegenden 30 Jahren in
Deutschland ständig gestiegen (siehe Grafik). Der Verbraucher kann
gegenwärtig zwischen etwa 650 amtlich anerkannten deutschen
Mineralwässern auswählen. Zusätzlich sind auch ausländische
Mineralwässer u. a. aus Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz
auf dem Markt. Im statistischen Mittel trinkt jeder Bundesbürger pro
Jahr bereits ca. 130 l natürliches Mineralwasser und ca. 35 l
Mineralwasser mit Zusätzen. Daraus folgt, dass ein erheblicher Teil des
Trinkwasserbedarfes der deutschen Bevölkerung durch den Konsum von
Mineralwasser gedeckt wird. Da Angaben über die Strahlenexposition der
Bevölkerung infolge des Konsums von Mineralwasser bisher nicht vorlagen
und andererseits die Öffentlichkeit durch Berichte in Medien
verunsichert wurde, war die Durchführung einer Studie zur Bestimmung
des Gehaltes natürlicher Radionuklide in Mineralwässern dringend
erforderlich.
Abbildung 1: Entwicklung des Mineralwasserkonsums in Deutschland im Zeitraum 1970 bis 2005
Die Ergebnisse der durch das BfS durchgeführten repräsentativen
Untersuchung "Natürliche Radionuklide in Mineralwässern der
Bundesrepublik Deutschland" mit Stand Juli 2006 stehen als PDF-Tabelle zur Verfügung. Ziel der Untersuchungen war die
- Bestimmung der Aktivitätskonzentrationen der natürlichen
Radionuklide Radium-226, Radium-228, Uran-234, Uran-235, Uran-238,
Polonium-210, Blei-210 und Actinium-227,
- die Ermittlung der Strahlenexposition durch den Konsum von Mineralwasser und
- die
Erarbeitung von Vorschlägen über zulässige Konzentrationen natürlicher
Radionuklide im Rahmen der Neufassung der Mineralwasserverordnung.
Im Zeitraum September 2000 bis November 2001 wurden nach dem
Zufallsprinzip in mehr als 150 Getränkemärkten und Filialen bekannter
Einzelhandelsketten in der gesamten Bundesrepublik Deutschland
insgesamt 401 Mineralwässer eingekauft und die
Aktivitätskonzentrationen der oben genannten Radionuklide in
BfS-Laboratorien bestimmt. Von den untersuchten Mineralwässern wurden
366 in Deutschland produziert - die restlichen 35 Mineralwassermarken
waren Importwässer aus 10 europäischen Staaten.
Ergebnisse und Bewertung
Die durch den Konsum von Mineralwasser verursachte
Strahlungsdosis (Ingestionsdosis) wurde für Kinder und Erwachsene auf
der Grundlage der ermittelten Aktivitätskonzentration berechnet (siehe PDF-Tabelle),
wobei angenommen wurde, dass der jährliche Trinkwasserbedarf
ausschließlich durch den Konsum von Mineralwasser gedeckt wird.
Betrachtet wurden Personen der Altersgruppen 0-1, 1-2, 2-7, 7-12, 12-17
Jahre bzw. Erwachsene, für die nach Anlage VII Teil B der
Strahlenschutzverordnung ein mittlerer jährlicher Mineralwasserverzehr
von 170, 100, 100, 150, 200 bzw. 350 l zugrunde gelegt wird. Die
höchsten Dosiswerte traten bei Säuglingen in einem Alter bis zu einem
Jahr auf, für die Mineralwasser zur Zubereitung von Fertignahrung und
als Trinkwasser verwendet wird. Deshalb wurde in der Abbildung die
statistische Verteilung der Ingestionsdosiswerte für Säuglinge (Alter 0
bis 1 Jahr) grafisch dargestellt. Angegeben wurde der prozentuale
Anteil der Mineralwässer mit einer Klassenbreite von 0,005 und
0,05 mSv pro Jahr im Dosisbereich unterhalb bzw. oberhalb
0,2 mSv pro Jahr.
Der Median (50-Perzentil) der Dosis beträgt mit
0,046 mSv/Jahr etwa 50% des WHO-Dosisrichtwertes für Trinkwasser
von 0,1 mSv/Jahr. Dies bedeutet, dass die Dosiswerte jeweils bei
der Hälfte der Mineralwässer unterhalb und oberhalb dieses Wertes
liegen.
Die Betrachtung der Ingestionsdosis für Säuglinge ist insofern
von Interesse, da einige Mineralwässer gemäss § 9 Abs. 3
Mineralwasserverordnung den Zusatz "Geeignet für die Zubereitung von
Säuglingsnahrung" tragen. Bis zum Jahr 2003 wurde dieser Zusatz
unabhängig von dem Gehalt natürlicher Radionuklide im Mineralwasser
verwendet. Auf der Basis des WHO-Dosisrichtwertes und der Ergebnisse
der BfS-Untersuchungen ist gemäß "2. Verordnung zur Änderung der
Mineral- und Tafelwasserverordnung" die Angabe "Geeignet für die
Zubereitung von Säuglingsnahrung" auf dem Flaschenetikett nur noch dann
zulässig, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:
"Bei Abgabe an den Verbraucher darf in natürlichem Mineralwasser die Aktivitätskonzentration von Radium-226 den Wert 125 mBq/l und von Radium-228 den Wert 20mBq/l nicht überschreiten. Sind beide Radionuklide enthalten, darf die Summe der Aktivitätskonzentrationen, ausgedrückt in Vonhundertteilen der zulässigen Höchstkonzentration, 100 nicht überschreiten."
Durch die Einhaltung dieser Bedingung wird sichergestellt, dass bei einer Trinkwassermenge von 170 Liter pro Jahr eine Folgeingestionsdosis für Säuglinge von 0,1 mSv pro Jahr durch die Redionuklide Radium-226 und Radium-228 nicht überschritten wird.
Abbildung 2: Verteilung
der Ingestionsdosis für Säuglinge (Lebensalter 0 bis 1 Jahr) infolge
des Konsums von Mineralwasser als Trinkwasser und zur Zubereitung von
Fertignahrung
Weitere Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:
- Bei einer Reihe von Mineralwässern - insbesondere aus
Hessen - wurde der Gehalt an Radium gegenüber früheren Untersuchungen
des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes in den Jahren 1978 bis 1986 durch
technische Maßnahmen der Hersteller oder Nutzung anderer Quellen
deutlich gesenkt.
- Das Radionuklid Radium-228 ist aufgrund
seiner hohen Radiotoxizität überwiegend dosisbestimmend. Andere
natürliche Nuklide wie Radium-226, Uran-234, Uran-235, Uran-238,
Polonium-210, Blei-210 und Actinium-227 spielen eine insgesamt
geringere Rolle.
- Der Dosisrichtwert von 0,1 mSv/Jahr
wird für Erwachsene bei keinem deutschen Mineralwasser überschritten.
Lediglich bei zwei ausländischen Wässern ergeben sich höhere Werte.
- Für
ca. 20 % der untersuchten Mineralwässer ergeben sich für Kleinkinder
bei einem angenommenen jährlichen Konsum von 170 Litern Dosiswerte
oberhalb von 0,1 mSv pro Jahr. Der Maximalwert von 6,5 mSv
pro Jahr ergibt sich für ein portugiesisches Produkt.
- Von
Mineralwässern geht aus strahlenhygienischer Sicht keine
Gesundheitsgefahr aus. Aus Vorsorgegründen sollte aber der
Dosisrichtwert für Trinkwasser von 0,1 mSv pro Jahr nicht
dauerhaft überschritten werden.
Das BfS hat die Hersteller der Mineralwässer über die Ergebnisse
ihrer jeweiligen Produkte informiert. Eine Reihe von
Mineralwasserherstellern haben Maßnahmen zur Reduktion der radioaktiven
Inhaltsstoffe vorgenommen und neuere Messwerte von unabhängigen
Messlaboratorien zur Verfügung gestellt. Diese Werte wurden nach
Plausibilisierung durch das BfS berücksichtigt.
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