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Ohne Endlager geht es nicht
In der Financial Times Deutschland vom 1. Dezember 2010 antwortet Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, auf einen Beitrag des Unternehmensberaters Matthias Ginsberg.

"Die Debatte um die Verantwortbarkeit der Kernenergie geht regelmäßig einher mit Diskussionen über die Entsorgung der bei der Nutzung entstehenden radioaktiven Abfälle. Zuletzt plädierte Matthias Ginsberg in der FTD vom 24. November dafür, die Endlagerung radioaktiver Abfälle zugunsten einer ständigen oberirdischen Lagerung aufzugeben. Denn eine sichere Endlagerung könne, so Ginsberg, nicht für eine Million Jahre, ja nicht einmal für 100 Jahre prognostiziert werden. Das Problem lösen sollen künftige Innovationen in den nächsten 100 Jahren. Die Antwort klingt plausibel und verlockend angesichts der Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte. Jedoch: Die Antwort auf die Frage was passiert, wenn diese Innovationen ausbleiben, bleibt der Autor schuldig.

Gefährliches Aufschieben

Die Verschiebung von Problemlösungen in die Zukunft ist mit der staatlichen Pflicht zur sicheren Entsorgung radioaktiver Abfälle schwerlich vereinbar. Sie steht darüber hinaus in Widerspruch zu der in Artikel 20a des Grundgesetzes verankerten Verantwortung gegenüber künftigen Generationen.

Wir übernehmen Verantwortung, indem wir uns einem Problem stellen. Wir entziehen uns der Verantwortung, wenn wir die Lösung eines von uns verursachten Problems künftigen Generation überantworten. Aus den Augen, aus dem Sinn – das kann und darf nicht das Prinzip im Bereich einer Hochrisikotechnologie sein.

Es trifft zu, dass bislang weltweit kein Land ein betriebsbereites, sicheres Endlager für hochradioaktive Abfälle aus Leistungsreaktoren besitzt Das ist aber mitnichten ein Argument dafür, auf Lösungen in den nächsten 100 Jahren zu setzen. Wollte man das anders sehen, redete man denjenigen das Wort, die – insgeheim oder auch ganz offen – auf eine „internationale Lösung“ setzen.
Es gab leider bisher keine Angebote von Ländern, die im Interesse einer Sicherheitserhöhung die Mitentsorgung übernehmen wollten. Leitgedanken derartiger multinationaler Lösungen sind vielmehr ökonomisch motiviert. Sie bilden somit das Tor für eine Billigentsorgung, etwa in Russland. Das aber wäre verantwortungslos.

Sicherheit durch Tiefe

Die tiefengeologische Lagerung radioaktiver Abfälle wird in Deutschland und international als bester Entsorgungsweg insbesondere für hochradioaktive Abfälle angesehen. Mehrere hundert Meter Erdschichten sollen die strahlenden Abfälle vor der Biosphäre abschirmen und vor Eiszeiten oder Erdbeben schützen. Die tiefe und verschlossene Lagerung verhindert äußere, auch unbeabsichtigte Eingriffe und eine missbräuchliche Wiederverwendung der Stoffe.

Eine Rückholung der Abfälle ist zwar technisch durchaus realisierbar. Das gilt für eine Endlagerung in Salz, Tongestein oder Granit. Anzustreben ist eine Rückholbarkeit indes nicht, ist sie doch verbunden mit Abstrichen bei der Sicherheit und der Gefahr einer missbräuchlichen Nutzung der eingelagerten Abfälle.

Unabhängig von der Frage der Rückholbarkeit sollten die Abfälle aber auch bei der Lagerung in tiefen geologischen Schichten bei Gefahr bergmännisch geborgen werden können. Sie müssen in lange haltbaren Behältern und zudem gut dokumentiert eingelagert werden. Das ist auch eine der zentralen Lehren aus dem Desaster der Schachtanlage Asse.

Die oberirdische Zwischenlagerung der Abfälle kann und darf dagegen lediglich dazu dienen, den Zeitraum zu überbrücken, bis ein nationales Endlager zur Verfügung steht. Eine oberirdische Lagerung der gefährlichen Substanzen kann die Abschirmung gegenüber der Biosphäre nicht in gleicher Weise sicherstellen wie eine Endlagerung in tiefen Erdschichten. Sie kann offensichtlich auch keinen vergleichbaren Schutz vor den Folgen von Krieg, Terrorismus oder Umweltkatastrophen bieten.

Was wir dringend benötigen, ist ein gesellschaftlicher, parteiübergreifender Konsens zur Endlagerung, der legislaturübergreifend Bestand hat. Aus fachlicher Sicht muss es heute mehr denn je darum gehen, naturwissenschaftliches Know-how zu bündeln, politische und soziokulturelle Gräben gleichermaßen zu überwinden und sich gemeinsam auf die Suche nach einem weithin akzeptierten und sicheren Standort für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle zu machen.

Transparente Verfahren

Wir brauchen wirkliche Offenheit und Transparenz in den Verfahren. Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Endlagerung mehr als eine rein wissenschaftlich-technische Herausforderung darstellt. Das Hoffen auf technische Innovationen in der Zukunft wie beispielsweise die Entwicklung der Transmutation hilft dabei ebenso wenig weiter wie die Angst vor Bürgerprotesten und vor dem Verlust von Wählerstimmen.

Die Endlagerung radioaktiver Abfälle ist eine besondere Herausforderung. Sie bedeutet einen langen und unbequemen Weg. Solange wir nicht nachgewiesen haben, dass die in der Bundesrepublik existierenden geologischen Formationen fachlich für die sichere Verwahrung unserer Hinterlassenschaften ungeeignet sind, verbietet sich der bequeme Weg, diese anderen Ländern oder gar zukünftigen Generationen zu überantworten.

Wir sollten Verlockungen widerstehen, uns von dem – zugegebenermaßen unbequemen – Weg der Verantwortungsübernahme abbringen zu lassen."
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