Eine Gruppe von Ärzten in Naila hat unter der Federführung von Dr. med.
Horst Eger eine statistische Auswertung von Patientenunterlagen im
Hinblick auf Krebsfälle in der Umgebung eines Mobilfunksendemasten
vorgenommen. Die Ergebnisse dieser Studie wurden erstmals am 21.07.2004
von der Ärztegruppe im Rahmen eines Vortrags auf einer
Bürgerversammlung in Naila vorgestellt. Auf Basis dieses Vortrags und
unter Einarbeitung der - nach Anfrage des BfS an die Ärzte - zusätzlich
von den Ärzten zur Verfügung gestellten einschlägigen Informationen,
hat das BfS Anfang Oktober eine erste Stellungnahme im Internet
veröffentlicht. Die dem BfS damals vorliegenden Angaben zur
methodischen Herangehensweise waren für eine endgültige Beurteilung
unzureichend. Inzwischen wurde die Studie in einer deutschen
Zeitschrift veröffentlicht:
Eger H, Hagen KU, Lucas B, Vogel P, Voit H.
„Einfluß der räumlichen Nähe von Mobilfunksendeanlagen auf die Krebsinzidenz“
Umwelt-Medizin-Gesellschaft 2004(4):326-332
Ein
PDF-file des Artikels kann unter http://www.hese-project.org/de/emf/Studien/StudienDiskussion/NailaStudie/20050226_naila-studie.pdf
heruntergeladen werden.
Herausgeber: IGUMED (Interdisziplinäre Gesellschaft für Umweltmedizin),
ÖAB (Ökologischer Ärztebund), DBU (Deutscher Berufsverband der
Umweltmediziner), DGHUT (Deutsche Gesellschaft für Umwelt- und
Humantoxikologie).
Das BfS nimmt hierzu wie folgt Stellung:
1. Methoden
Patienten aus Hausarztpraxen stellen die Untersuchungspopulation dar.
Es werden zwei Regionen definiert, der sog. Nahbereich (weniger als 400
m von der Basisstation entfernt) und der Fernbereich (mehr als 400 m
entfernt). Hieraus wird eine Zufallsauswahl von Straßen getroffen,
davon ausgeschlossen werden Alten und Pflegeheime. Als
Studienpopulation werden alle Patienten definiert, die in einer der
gewählten Straßen wohnten, in einer der teilnehmenden Praxen
„hausärztlich bekannt“ und „ortstreu“ (mindestens 10 Jahre dort
wohnten) waren. Insgesamt werden so im Nahbereich 320 und im
Fernbereich 647 Personen ermittelt. Der Erfassungsgrad wird mit fast 90
% der Bevölkerung angegeben. Krebsneuerkrankungen, die im Zeitraum
zwischen 1994 und 2004 auftraten, werden über eine zentrale Auswertung
der krankenkassenabgerechneten Daten der Hausärzte nach Anonymisierung
ermittelt und über Fremdbefunde abgesichert. Es erfolgt keine
individuelle Messung oder Abschätzung der Exposition durch die Felder
der Mobilfunksendeanlagen. Personen im Nahbereich werden als
„exponiert“ betrachtet. Personen im Fernbereich dienen als
Vergleichsgruppe. Weitere Einflussfaktoren (sog. Störgrößen oder
Confounder), die mit einer Krebserkrankung assoziiert sein können und
ggf. regional unterschiedlich verteilt sind, werden für die
Studienpopulation nicht erfasst.
Als statistisches Auswerteverfahren wird die Berechnung des sog. Odds
Ratios (Verhältnis der Erkrankungschance zwischen Exponierten und
Nicht-Exponierten) in Form eines einfachen Chi-Quadrat-Tests unter Angabe des
95 % Vertrauensbereichs für den 10-Jahreszeitraum und für 1999 - 2004
nach 5 Jahren Betriebszeit verwendet. Alter und Geschlecht der
Patienten werden in der Analyse nicht berücksichtigt. Zusätzlich wird
das relative Risiko berechnet, welches bei seltenen Erkrankungen wie z.
B. Krebs dem Odds Ratio annähernd gleich ist.
2. Ergebnisse der Studie
Die Autoren geben das Durchschnittsalter - laut Gemeindestatistik - als
gleich im Nah- und Fernbereich an (bei Frauen 41 Jahre und bei Männern
38 Jahre). Der Frauenanteil beträgt im Nah- und Fernbereich 55 %.
Nähere Informationen zur Altersverteilung der definierten
Studienpopulation getrennt nach Frauen und Männer werden nicht gegeben.
- Im Zeitraum 1994 bis 2004 traten 34 Krebsneuerkrankungen auf.
Davon 18 im Nahbereich (18 von 320 Personen) und 16 im Fernbereich (16
von 647 Personen). Hauptsächlich betroffen waren die - auch in der
Allgemeinbevölkerung Deutschlands häufig vorkommenden -
Tumorlokalisationen wie Brust (n=8), Pankreas (n=5), Prostata (n=5),
Darm (n=4), Lunge (n=3), Niere (n=3). Die Wahrscheinlichkeit für eine
Krebsneuerkrankung ist im Nahbereich statistisch signifikant 2,35fach
höher als im Fernbereich (Odds Ratio = 2,35; 95% Vertrauensbereich:1,18
– 4,67). Die Autoren geben an, dass die Tumorpatienten im Nahbereich
durchschnittlich 8,5 Jahre jünger erkrankten als im Fernbereich. Das
Brustkrebsrisiko ist 3.5fach erhöht, allerdings nicht statistisch
signifikant.
- Im Zeitraum 1994 bis 1998 traten im Nahbereich fünf und im
Fernbereich acht Krebsneuerkrankungen auf. Es findet sich kein
statistisch signifikanter Unterschied in den Krebsneuerkrankungsraten
zwischen Nah- und Fernbereich.
- Im Zeitraum 1999 bis 2004 – fünf Jahre nach Beginn des
Senderbetriebs - traten im Nahbereich 13 und im Fernbereich 8
Krebsneuerkrankungen auf. Es erfolgt keine Angabe zu den betroffenen
Tumorlokalisationen oder zum Erkrankungsalter. Die Wahrscheinlichkeit
für eine Krebsneuerkrankung ist im Nahbereich statistisch signifikant
3,38fach höher als im Fernbereich (Odds Ratio = 3,38, 95%
Vertrauensbereich:1,39 – 8,25).
3. Bewertung der Ergebnisse durch das BfS
Die Studie zeigt eine etwa doppelt so hohe
Wahrscheinlichkeit für Krebsneuerkrankungen im Nahbereich einer Basisstation im
Vergleich zum Fernbereich (1994 - 2004), wobei in den ersten 5 Jahren des
Sendebetriebs keine signifikante Erhöhung beobachtet wurde, im Zeitraum 1999 -
2004 also nach 5 Jahren Betriebszeit jedoch ein dreifach signifikant erhöhtes
Krebsrisiko.
Zu den Stärken der Studie gehört, dass eine Studienregion
mit einer ländlichen über die Zeit sehr stabilen Population sowie einer
geringen Dichte von Mobilfunkbasisstationen (Installation der ersten
Basisstation 1993, der zweiten 1997) gewählt wurde. Dem gegenüber stehen aber
eine ganze Reihe von methodischen Schwächen.
So wurde das Alter und Geschlecht der Patienten bei der
statistischen Analyse nicht berücksichtigt. Es genügt nicht, auf ein gleiches
Durchschnittsalter und Geschlechtsverhältnis in beiden Vergleichsgruppen zu
verweisen, da trotzdem Unterschiede in der Alterverteilung für Männer und
Frauen zwischen beiden Regionen bestehen können. Solche Unterschiede können bei
Nichtberücksichtigung eine verzerrte Risikoschätzung bewirken, insbesondere bei
Betrachtung von einzelnen Tumorlokalisationen wie z. B. Brustkrebs.
Weiterhin kann eine Krebsunterfassung in Abhängigkeit von
der Studienregion nicht völlig ausgeschlossen werden. So zeigt der von den
Autoren durchgeführte grobe Abgleich mit dem Krebsregister des Saarlandes, dass
im Fernbereich deutlich weniger Krebsfälle als erwartet beobachtet wurden. Eine
eventuelle Untererfassung der Krebsfälle im Fernbereich könnte zu einer
Überschätzung des Risikos führen. Es wird von den Autoren zwar argumentiert,
dass eine Krebserkrankung nicht über Jahre hinweg vor dem Hausarzt geheim gehalten
werden kann. Es ist aber unklar, ob alle Studienteilnehmer tatsächlich die
vollen 10 Jahre unter Beobachtung standen.
Die fehlende Berücksichtigung von anderen Risikofaktoren für
Krebs stellt ein Kernproblem dar. Da alle Tumorlokalisationen gleichzeitig
betrachtet werden, können theoretisch alle bekannten Krebsrisikofaktoren
(Rauchen, Ernährung, Beruf, Alkohol, genetische Veranlagung, etc.) eine Rolle
spielen. Falls diese Risikofaktoren in beiden Regionen unterschiedlich verteilt
sind, kann sich eine verzerrte Risikoabschätzung, sog. „Scheinkorrelation“
ergeben.
Von ebenso großer Wichtigkeit ist die fehlende individuelle
Abschätzung der Exposition durch die Felder der Basisstationen. Im Nahbereich
kann zwar von einer durchschnittlich höheren Exposition als im Fernbereich
ausgegangen werden, jedoch gibt es im Nahbereich (und in abgeschwächter Form
auch im Fernbereich) abhängig von Dämmungs- und Bebauungsfaktoren erhebliche
individuelle Unterschiede in der Exposition. Von den Autoren wird angegeben,
dass die Strahlungsintensität des Mobilfunks im Innenbereich um den Faktor 100
über jener im Außenbereich und deutlich über jener der sonst emittierten elektromagnetischen
Wellen, wie von Radio, Fernsehen und Radar, lägen. Dabei wird auf Messungen des
Bayerischen Landesamts für Umweltschutz verwiesen. Nach Angaben des Bayerischen
Landesamtes für Umweltschutz vom 15.12.2004 ist diese Aussage nicht zutreffend.
Problematisch an der Studie ist zusätzlich der geringe
Stichprobenumfang. Die statistischen Analysen beruhen auf 34 Krebsfällen im 10-Jahreszeitraum
und bei Berücksichtigung einer Latenzzeit von fünf Jahren auf 21 Krebsfällen.
Eine Analyse spezifischer Tumorlokalisationen ist von daher nicht möglich. Die
von den Autoren aufgeworfene Hypothese, das Mammakarzinom sei ein
„Marker-Karzinom“ für eine erhöhte Belastung durch elektromagnetische Wellen,
ist rein spekulativ, da insgesamt nur acht Mammakarzinome aufgetreten sind und
die beobachtete Risikoerhöhung im Zufallsbereich liegt. Wenig aussagefähig ist
auch die Aussage, dass die Krebsfälle im Nahbereich in deutlich jüngerem Alter
aufgetreten sind als im Fernbereich. Das Erkrankungsalter hängt von der
Tumorlokalisation, dem Alter und Geschlecht der Patienten ab. Alle drei Variablen
wurden in den statistischen Analysen nicht berücksichtigt.
Zusammenfassend kann man festhalten, dass aus oben genannten
Gründen die Aussagekraft der Studie sehr begrenzt ist. Wie die Ärztegruppe
selbst angibt, handelt es sich bei der Studie, um eine kleinräumige
Untersuchung, die ohne jede Fremdfinanzierung mit einfachen Methoden
durchgeführt wurde und rein explorativen Charakter hat.
Die Ärzte fordern die zuständigen Behörden auf, diese Studie
noch einmal auf gleiche Weise in anderen Regionen durchzuführen, um die
Ergebnisse zu reproduzieren. Solche Studien sind jedoch prinzipiell nur
sinnvoll, wenn die oben genannten methodischen Probleme soweit wie möglich
gelöst werden können. Dies bedeutet, dass beispielsweise nicht Patientendaten,
sondern z. B. Daten von vollständigen Krebsregistern verwendet werden, ein
repräsentativer Bevölkerungsbezug hergestellt wird, eine ausreichend große
Population einbezogen wird, andere wesentliche Risikofaktoren erfasst werden
und vor allem eine individuelle Expositionsabschätzung möglich ist.
Der Nachweis einer Dosis-Wirkungs-Beziehung ist von
entscheidender Bedeutung. Dazu genügt es nicht, eine „durchschnittlich stärker
exponierte Gruppe“ mit einer „durchschnittlich weniger stark exponierten
Gruppe“ zu vergleichen, da eine einzelne Risikoerhöhung auf einer Vielzahl von
Möglichkeiten beruhen kann. Kann man hingegen über mehrere Expositionsstufen
zeigen, dass das Risiko mit steigender Exposition konsistent ansteigt, ist dies
ein zentrales Argument für eine mögliche kausale Beziehung. Voraussetzung für
eine Einteilung von Probanden in verschiedene Expositionsstufen ist eine
retrospektive individuelle Abschätzung der Exposition durch die Felder von
Mobilfunkbasisstationen. Eine solche Expositionsabschätzung ist jedoch nach
derzeitigem wissenschaftlichem Erkenntnisstand nicht möglich.
4. Fazit
Trotz vorhandener Schwächen der Nailaer Mobilfunkstudie wurde
der Einzelbefund eines möglicherweise dreifach erhöhten Krebsrisikos vom BfS
ernst genommen. Auch im Kontext zu anderen vereinzelten Hinweisen auf
möglicherweise erhöhte Gesundheitsrisiken durch Mobilfunk führte das BfS ein
umfangreiches Forschungsprogramm zu Mobilfunk durch. Mit einem Aufwand von 17
Mio. EURO wurden 54 Forschungsvorhaben, aus dem Bereich Biologie, Dosimetrie
und Epidemiologie im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms
gefördert. Eine Übersicht zu den Studien und zu den jeweiligen Ergebnissen ist
im Internet unter der Adresse http://www.emf-forschungsprogramm.de/forschung
zu finden. Darunter sind vier große Forschungsvorhaben aus dem Bereich
Epidemiologie, die sich konkret der Frage Krebserkrankungen im
Zusammenhang mit Mobilfunk widmen, sowie Projekte aus der Dosimetrie,
die sich mit der Bestimmung der Exposition der Bevölkerung durch die
Felder von Mobilfunkbasisstationen beschäftigen.
Eine zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse des Deutschen
Mobilfunk Forschungsprogramms (DMF) finden Sie in der Broschüre
und dem Abschlussbericht zum DMF.
Ergebnis des DMF ist, dass die früheren Hinweise auf
gesundheitsrelevante Wirkungen hochfrequenter Felder nicht bestätigt werden
konnten. In Bezug auf Handynutzung, die eine wesentlich höhere Mobilfunkexposition
mit sich bringt als die Felder von Basisstationen, konnte keine Erhöhung des
Krebsrisikos bei einer Nutzungsdauer von bis zu 10 Jahren nachgewiesen werden.
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