INTERPHONE-Studie
Mobilfunk - Risikodiskurse
Informationsveranstaltung „Mobilfunk und Gesundheit"
Grenzwertüberschreitung durch Handytelefonate in einem Eisenbahnwaggon
Krebsinzidenz von Anwohnern im Umkreis einer Mobilfunksendeanlage
Einstufung hochfrequenter elektromagnetischer Felder durch die IARC
Neue Frequenzen für die mobile Kommunikation
Beeinflusst Handynutzung die männliche Fruchtbarkeit?
Handys für Kinder nicht sinnvoll
Umfragen Mobilfunk 2003 bis 2006
Einfluss des Mobilfunks auf die menschliche Befindlichkeit
Studien, die öffentliches Interesse geweckt haben
Pränatale und postnatale Exposition bei Mobiltelefon-Nutzung
Bericht zu Emissionsminderungsmöglichkeiten
Dänische Kohortenstudie

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Stellungnahme des BfS zu dem Artikel: „Pränatale und postnatale Exposition bei Mobiltelefon-Nutzung und Verhaltens-Probleme bei Kindern“
Aufgrund der rasanten Verbreitung von Mobiltelefonen in den letzten Jahren stellt sich die Frage nach möglichen Gesundheitsschäden. Hierbei wird immer wieder diskutiert, ob Kinder eventuell empfindlicher sein könnten als Erwachsene, da sich ihr Organismus noch in der Entwicklung befindet und mögliche Schäden in einer frühen Entwicklungsphase gesetzt würden. Bisher gibt es kaum Untersuchungen bei Kindern oder in utero im Hinblick auf eine Exposition gegenüber Mobilfunk. Die vorliegende Studie untersucht Verhaltensprobleme (Benehmen, Hyperaktivität, emotionale Probleme und Probleme mit Gleichaltrigen) bei Kindern, die prä- oder postnatal einer Strahlenbelastung durch Handynutzung ausgesetzt waren.

Material und Methoden

Ausgangsdatenbasis ist die dänische nationale Geburtskohortenstudie mit insgesamt 101.032 Geburten im Zeitraum von März 1996 bis November 2002. Die Mütter wurden während der Schwangerschaft und im Anschluss bereits zu Lebensstilfaktoren, Rauchen während der Schwangerschaft, Ernährung und Umweltexpositionen befragt. Aus dieser Kohorte wurden alle Mütter rekrutiert, deren Kinder im Jahr 2005 oder 2006 das 7. Lebensjahr vollendeten. Diese wurden gebeten einen Fragebogen auszufüllen. Die Teilnahmerate betrug 65 Prozent (n=13.159). Der Fragebogen enthielt Fragen zu:
  • Handynutzung der Mütter während der Schwangerschaft (Anzahl der Gespräche pro Tag, prozentualer Anteil der Anschaltzeit, Benutzung von Freisprechanlagen und Aufbewahrungsort, wenn Handy nicht genutzt wurde),
  • Telefonnutzung der Kinder (Handys und schnurlose Telefone),
  • Soziale Faktoren, Lebensstil der Familie, Erkrankungen in der Kindheit, psychische Erkrankungen in der Familie etc. sowie
  • „Strengths and Difficulties“: Fragebogen mit 25 Fragen zum Verhalten des Kindes
Zur Quantifizierung von Verhaltensauffälligkeiten wurde ein Gesamtscore über alle 25 Fragen und jeweils ein Score zu Benehmen, Emotionale Symptome, Hyperaktivität, Probleme mit Gleichaltrigen gebildet. Dieser Score teilt sich in drei Kategorien (normal, borderline, abnormal). Als statistische Auswertung wurde eine ordinale logistische Regression verwendet und als Risikoschätzer das sog. Odds Ratio (OR) mit zugehörigem 95% Konfidenzbereich (KI) berechnet. In allen Risikomodellen wurde für folgende mögliche Confounder (Störgrößen) adjustiert: Geschlecht des Kindes, Alter der Mutter, Rauchen während der Schwangerschaft, psychische Erkrankungen der Mutter und sozioökonomischer Status. Als Expositionsvariable wurden vier Expositionskategorien gebildet: keine Exposition durch Handynutzung, nur pränatal, nur postnatal und beides zusammen.

Ergebnisse

1) Circa 49 Prozent der Kinder waren weder prä- noch postnatal durch Handynutzung exponiert, 14 Prozent nur pränatal, 17 Preozent nur postnatal, elf Prozent prä- und postnatal. Bei acht Prozent konnte die Mutter keine Angabe hierzu machen. Dabei war auffällig, dass sich in letzterer Gruppe deutlich mehr Mütter mit psychiatrischen Erkrankungen befanden als in den anderen.
2) Etwa 90 Prozent der Kinder wurden hinsichtlich allgemeiner Verhaltensprobleme als normal eingestuft.
3) Kinder, die jemals pränatal durch Handynutzung exponiert waren, im Vergleich zu solchen, die nie pränatal exponiert waren, zeigten ein statistisch signifikant erhöhtes Risiko für Verhaltensprobleme allgemein (OR=1,54; 95 Prozent KI: 1,32-1,81). Postnatal exponierte Kinder im Vergleich zu nicht postnatal exponierten Kindern zeigten ein 1,18fach signifikant erhöhtes Risiko für Verhaltensprobleme (95 Prozent KI: 1,01-1,38). Das höchste Risiko mit OR=1,8 (95 Prozent KI: 1,45-2,23) zeigten Kinder, die sowohl prä- als auch postnatal exponiert waren, im Vergleich zu solchen, die nie exponiert waren.
4) Bei Betrachtung einer Expositions-Wirkungs-Beziehung wie zum Beispiel Anzahl der Gespräche oder Anschaltdauer des Handys wurde kein statistisch signifikanter Trend für Verhaltens-Problemen mit steigender Expositionsbelastung gefunden.

Bewertung

Die vorliegende Studie zeigt ein erhöhtes Risiko für Verhaltensstörungen bei Kindern, die selbst das Handy nutzten, deren Mütter während der Schwangerschaft mit dem Handy telefonierten oder bei denen beides zutraf. Inwieweit es sich hier um einen kausalen Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung und Verhaltensstörungen handelt, kann durch eine einzige Studie nicht beantwortet werden. Die Autoren schlussfolgern selbst, dass die Ergebnisse mit großer Vorsicht interpretiert werden sollten. Die beobachteten Zusammenhänge sind nicht notwendigerweise kausal und können auf anderen, in dieser Studie nicht untersuchten Faktoren beruhen. So unterschied sich die höchste Expositionsgruppe von den anderen Expositionsgruppen in manchen Faktoren, die diskutiert werden im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Verhaltensstörungen bei den Nachkommen (geringerer Sozialstatus, häufiger mentale Störungen, Neurosen, psychiatrische Erkrankungen etc.). Auch wenn dafür adjustiert wurde, ist nicht auszuschließen, dass ein residuales Confounding verbleibt, das heißt ein verzerrter Risikoschätzer auftritt wegen ungenügender Berücksichtigung dieser potentiellen Störgrößen. Andere potentielle Confounder wie psychiatrische Erkrankungen des Vaters oder eine frühere Bleibelastung (zum Beispiel aus dem Trinkwasser) wurden gar nicht erfasst.

Grundsätzlich bleibt unklar, ob Verhaltensauffälligkeiten des Kindes mit der Strahlenbelastung während des Telefonierens oder einfach mit der Nutzung des Telefons durch die Mutter zusammenhängen. So könnte sich zum Beispiel eine Mutter, die viel telefoniert, insgesamt weniger um ihr Kind kümmern.

Es gibt derzeit keine belastbaren Rechenmodelle zur Abschätzung der spezifischen Absorptionsrate (SAR-Wert) – ein Maß für die Strahlenexposition – im Fötus durch Handynutzung der Mutter. Grundsätzlich ist jedoch davon auszugehen, dass tiefer liegende Organe wie der Uterus wahrscheinlich sehr gering exponiert sind. Auch die direkte Strahlenexposition der Kinder während des eigenen Telefonierens dürfte gering sein, da die Kinder der Kohorte das Handy relativ selten und nur über einen kurzen Zeitraum nutzten.

Fazit

Die Studie zeigt ein erhöhtes Risiko für Verhaltensstörungen bei Kindern, die selbst das Handy nutzten, deren Mütter während der Schwangerschaft mit dem Handy telefonierten oder bei denen beides zutraf. Daraus lassen sich keine abschließenden Schlüsse ziehen, ob die Strahlenbelastung als Ursache hierfür zu sehen ist. Eine mögliche Erklärung für die beobachtete Risikoerhöhung könnte Confounding durch nicht berücksichtigte andere Faktoren, Fehlklassifikation von Erkrankung oder Handynutzung sein. Gegen einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang spricht die extrem geringe pränatale Strahlenexposition und die Tatsache, dass es bisher keinen bekannten biologischen Wirkmechanismus gibt, der hierfür eine Erklärung geben könnte.

Bisher wurden kaum Studien zum Gesundheitsrisiko durch Mobilfunk an Kindern durchgeführt. Eine kürzlich abgeschlossene Querschnittsstudie zu Befindlichkeitsstörungen durch Mobilfunk bei Kindern und Jugendlichen des Deutschen Mobilfunkforschungsprogramms erbrachte keine Hinweise auf vermehrte Befindlichkeitsstörungen durch Mobilfunk. Bezüglich einiger weniger Fragen zu Verhaltensauffälligkeiten wurden ebenfalls keine signifikant erhöhten Risiken gefunden. Da Kinder durchaus empfindlicher als Erwachsene sein könnten und Kinder von Jugend an die neue Technologie verwenden, sind weitere Studien auf diesem Gebiet zwingend nötig.


Weitere Informationen

Divan HA, Kheifets L, Obel C, Olsen J; Prenatal and Postnatal Exposure to Cell Phone Use and Behavioral Problems in Children, Epidemiology 2008; Vol 19, no. 4
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