Fachliche Stellungnahme zur INTERPHONE-Studie
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Fachliche Stellungnahme des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zu den Ergebnissen und Schlussfolgerungen der INTERPHONE-Studie zum Risiko für Hirntumore aufgrund von Handynutzung
Die schnelle Zunahme der Nutzung von Mobiltelefonen führte in der Bevölkerung zu einer wachsenden Besorgnis hinsichtlich möglicher mit der Mobiltelefonnutzung verbundener Gesundheitsgefahren, da beim Telefonieren mit Mobiltelefonen hochfrequente elektromagnetische Felder entstehen. Daher veranlasste die International Agency for Research on Cancer (IARC) im Jahr 2000 die internationale INTERPHONE-Fall-Kontrollstudie, um ein mögliches Risiko für die Entstehung von Hirntumoren durch den Gebrauch von Mobiltelefonen zu ermitteln.

An der INTERPHONE-Studie beteiligten sich weltweit 49 Wissenschaftler. Sie umfasst epidemiologische Daten und detaillierte Informationen zum Gebrauch von Mobiltelefonen aus 13 Ländern (Australien, Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Israel, Italien, Japan, Neuseeland, Norwegen, Schweden und Großbritannien).

Ziel der Studie war es, mögliche Risiken für die Entstehung von Hirntumoren in Verbindung mit dem Gebrauch von Mobiltelefonen zu ermitteln. Dazu wurden Patienten befragt, bei denen zwischen 2000 und 2004 ein Hirntumor diagnostiziert wurde, wobei die Dauer der Untersuchungszeiträume in den verschiedenen Ländern zwischen zwei und vier Jahren variierte. Zwei Formen von Primärtumoren wurden berücksichtigt: Gliome, der häufigste und aggressivste Typ von Hirntumoren, der vom Stützgewebe des Zentralnervensystems ausgeht, und Meningeome, der zweithäufigste Typ, der von der Hirnhaut ausgeht.

Einzelheiten zu dem deutschen Beitrag zu der Studie, der im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms (DMF) durchgeführt wurde, finden sich auf der Internetseite des DMF.

Methoden

Bei der INTERPHONE-Studie handelt es sich um eine bevölkerungsbasierte Fall-Kontrollstudie, bei der 2.708 Patienten mit Gliomen und 2.409 Patienten mit Meningeomen sowie diesen zugeordnete gesunde Vergleichspersonen in einem standardisierten Interview persönlich befragt wurden. Die Studie wurde nach einem gemeinsamen Protokoll von 14 Studienzentren in 13 Ländern (ein Zentrum pro Land, mit Ausnahme von Großbritannien mit einem Zentrum im Süden des Landes und einem im Norden) durchgeführt. In Deutschland wurden jedem Fall zwei Kontrollen zugeordnet, in den anderen Ländern nur jeweils eine Kontrolle. Die Kontrollen wurden nach einem den örtlichen Gegebenheiten angepassten Stichprobenplan aus der Bevölkerung ausgewählt.

Die Auswertung erfolgte mittels bedingter logistischer Regression. Als Referenz­kategorie für die Berechnung der Odds Ratios (OR) in der Hauptanalyse diente die Gruppe der Studienteilnehmer, die angaben, dass sie niemals regelmäßig ein Mobiltelefon benutzt hätten. Ein OR gibt an, um welchen Faktor sich das Erkrankungsrisiko von Exponierten im Vergleich zu Nicht-Exponierten ändert. Als Nicht-Exponierte wurden Personen definiert, die angaben nie regelmäßig ein Handy benutzt zu haben. Ein OR > 1 bedeutet eine Risikoerhöhung, ein OR < 1 eine Risikoerniedrigung.

Weitere Expositionsvariablen waren unter anderem:
  • jemals regelmäßiger Mobiltelefonnutzer (das heißt durchschnittlich mindestens ein Telefonat pro Woche über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten)
  • Zeit seit erster regelmäßiger Nutzung in Jahren
  • Dezentile der Gesamthäufigkeit von Telefonaten
  • Dezentile der Gesamtdauer der Telefonate.
Es wurden verschiedene Arten von Analysen durchgeführt, bei denen die Lage des Tumors berücksichtigt wurde (da die Absorption hochfrequenter Energie von Mobiltelefonen eng lokalisiert ist) und die Tumorlokalisation in Bezug auf die beim Telefonieren bevorzugt benutzte Kopfseite (das heißt, ob das Telefon überwiegend auf der Seite benutzt wurde, auf der sich der Tumor befindet, oder auf der gegen­überliegenden Seite).

Um festzustellen, ob ein oder mehrere der 13 verschiedenen Studiencharakteristika (zum Beispiel Studienzentrum, Methode zur Berechnung der Gesprächsdauer oder Art der Analyse) zu Verzerrungen bei den Ergebnissen geführt haben könnten, wurden zusätzlich zur Hauptanalyse umfangreiche und sorgfältige Nebenanalysen durchgeführt.

Ergebnisse

Bei Personen, die angaben, jemals regelmäßig ein Mobiltelefon benutzt zu haben, ergab sich sowohl für Gliome als auch für Meningeome ein niedrigeres Risiko als bei den Personen, die angaben, niemals regelmäßig ein Mobiltelefon benutzt zu haben (Gliome: odds ratio (OR) 0,81; 95 Prozent Konfidenzintervall (KI) 0,70–0,94 beziehungsweise Meningeome: OR 0,79; 95 Prozent KI 0,68–0,91). Darin könnten sich eine Auswahlverzerrung oder methodische Probleme widerspiegeln.

Keine Erhöhung des OR wurde zehn Jahre nach der ersten Mobiltelefonnutzung bei Gliomen und Meningeomen beobachtet (Gliome: OR 0,98; 95 Prozent KI 0,76–1,26; Meningeome: OR 0,83; 95 Prozent KI 0,61–1,14). Die OR waren kleiner 1.0 für alle Dezentile der Gesamtanzahl von Telefonaten und die ersten neun Dezentile der Gesamtgesprächsdauer. Im zehnten Dezentil der angegebenen aufsummierten Gesprächsdauer - dies entspricht einer Gesamtgesprächsdauer von mindestens 1.640 Stunden - lag das OR bei 1,40 (95 Prozent CI 1.03–1.89) für Gliome, und 1,15 (95 Prozent KI 0,81–1,62) für Meningeome.

Allerdings traten in dieser Gruppe unplausible Angaben zur Gesprächsdauer auf. Schließt man - aufgrund der Annahme, dass diese Angaben unzuverlässig sind - 60 Teilnehmer aus, die angaben, mehr als fünf Stunden pro Tag telefoniert zu haben, so verringert sich das OR für Gliome von 1,40 auf 1,27 (95 Prozent KI 0,92-1,75) und für Meningiome von 1,15 auf 1,08 (95 Prozent KI 0,70 – 1,48).

Schichtet man die Gesamtnutzungsdauer nach dem Beginn der regelmäßigen Nutzung, so beobachtet man weder für Langzeitnutzer (Beginn der Nutzung zehn Jahre vor dem Diagnosedatum des Falles) noch für Personen mit mittlerer Nutzungsdauer (Beginn der Nutzung fünf bis neun Jahre vor dem Diagnosedatum des Falles) oder für die Gesamtheit der analysierten Nutzungsdauergruppen eine Erhöhung des Risikos.

Bei der Gruppe der Personen mit der kürzesten Nutzungsdauer (Beginn der Nutzung ein bis vier Jahre vor dem Diagnosedatum des Falles) ergab sich jedoch ein OR von 3,77 (95 Prozent KI 1,25 – 11,4) für Gliome und von 4,8 (95 Prozent KI 1,49 – 15,4) für Meningeome in der Untergruppe der Personen mit einer angegebenen Gesamtgesprächsdauer von mindestens 1.640 Stunden. Bei einer geringeren Gesamtgesprächsdauer ergab sich keine Erhöhung des OR.

Tendenziell waren die Risikoschätzer (OR) für Gliome im Schläfenlappen höher als für solche in anderen Bereichen des Gehirns, aber die Konfidenzintervalle dieser Schätzer waren sehr groß. Bei Personen, die angaben, das Mobiltelefon gewöhnlich an der Kopfseite benutzt zu haben, an der sich der Tumor befand, ergaben sich ebenfalls tendenziell höhere Risikoschätzer für Gliome.

Bei den umfangreichen Sensitivitätsanalysen ergaben sich Risikoschätzer, die innerhalb der 95 Prozent Konfidenzintervalle der Risikoschätzer der Hauptanalyse lagen (mit Ausnahme von zwei OR für Meningeome, die mit der Art der Befragung zusammenhingen, das heißt, ob Mobiltelefone bei der Befragung erwähnt wurden oder nicht).

Fazit

Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um die größte bisher durchgeführte Studie zum Risiko von Gehirntumoren und zur Nutzung von Mobiltelefonen. Sie umfasst eine erhebliche Anzahl von Teilnehmern, die seit mindestens zehn Jahren Mobiltelefone benutzten. Insgesamt wurde kein erhöhtes Risiko für Gliome oder Meningeome beobachtet, das auf die Nutzung von Mobiltelefonen zurückgeführt werden könnte. Es zeigen sich Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Gliome bei der höchsten Expositionsgruppe, aber aufgrund von möglichen Verzerrungen und Fehlern ist eine kausale Interpretation dieses Zusammenhangs nicht möglich.

An der INTERPHONE-Studie haben nur Erwachsene teilgenommen, so dass sich aus der Studie keine Aussage über das Risiko der Mobiltelefonnutzung bei Kindern und Jugendlichen ableiten lässt. Nach heutigen Maßstäben waren die Mehrheit der Studienteilnehmer keine intensiven Mobiltelefonnutzer.

Die Nutzung von Mobiltelefonen hat stark zugenommen. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist die Benutzung eines Mobiltelefons für eine Stunde am Tag oder sogar mehr nicht ungewöhnlich. Es ist daher dringend notwendig, die möglichen Auswirkungen von langjährigem intensivem Gebrauch von Mobiltelefonen genauer zu untersuchen, insbesondere bei Personen, die bereits in jungem Alter angefangen haben, häufig Mobiltelefone zu benutzen.


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