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Stellungnahme zum Thema "Einfluss der Handynutzung auf die männliche Fruchtbarkeit"
Die Frage, ob die Handynutzung einen Einfluss auf die männliche Fruchtbarkeit hat, wird oft kontrovers diskutiert. Dazu liegen Ergebnisse aus verschiedenen Studien vor, die im Folgenden vorgestellt und bewertet werden:

Humanstudien
Laborstudien
Tierstudien
Gesamtbewertung und Zusammenfassung
Literatur

Humanstudien

Als erste haben Davoudi et al. (2002) anhand der Untersuchung einer Gruppe von 13 gesunden Männern berichtet, dass die häufige Nutzung eines GSM Mobiltelefons die Beweglichkeit von Spermien reduziert. Drei weitere Studien wurden an Patienten durchgeführt, die bereits Fruchtbarkeitsprobleme hatten. Fejes et al. (2005) beschrieben aufgrund einer Untersuchung an 371 Männern einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Absinken der Spermienkonzentration sowie deren Beweglichkeit und der Dauer des Besitzes eines Mobiltelefons sowie der Dauer der Gespräche. Dabei wurden Nichtnutzer als Kontrollgruppe nicht untersucht. Wdowiak et al. (2007) untersuchten 304 Männer und fanden eine reduzierte Zahl beweglicher und einen Anstieg morphologisch defekter Spermien bei häufigen Telefonnutzern gegenüber Nichtnutzern. Die Autoren weisen darauf hin, dass Vielnutzer häufiger beruflich sehr aktiv sind, eine sitzende Tätigkeit ausüben, und mehr Stress ausgesetzt sind. Alle diese Faktoren beeinträchtigen die Spermienqualität. Eine ähnliche Beobachtung beschrieben Agarwal et al. (2008), die 361 Patienten untersuchten. Längere Nutzungszeiten der Mobiltelefone gingen mit einer verstärkten Beeinträchtigung der Überlebensrate, Beweglichkeit und Morphologie der Spermien einher. Allen Studien gemeinsam war, dass der Zusammenhang zwischen Telefonnutzung und männlicher Fruchtbarkeit, nicht aber der direkte Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern untersucht wurde. Mögliche weitere Einflussfaktoren, wie Alter, sozialer Status, Stress, Alkohol- und Tabakkonsum, die alle die Spermaproduktion beeinträchtigen, wurden nur teilweise oder gar nicht berücksichtigt.

Laborstudien

Der direkte Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf entnommene menschliche Spermien wurde in einigen wenigen Laborstudien untersucht. Erogul et al. (2006) untersuchten den Einfluss einer Exposition mit dem elektromagnetischen Feld eines kommerziellen Mobiltelefons auf Spermien, die vorher Testpersonen entnommen wurden. Die Spermienzahl blieb unverändert, die Beweglichkeit der exponierten Spermien war reduziert. Als Konsequenz der oben erwähnten Humanstudie führten Agarwal et al. (2009) eine Pilotstudie durch, in der menschliches Sperma mit einem kommerziellen Mobiltelefon (850 MHz,) exponiert wurde. Es wurden exponierte und nicht exponierte Proben von gesunden Testpersonen und von Patienten mit Potenzproblemen verglichen. Die Spermienkonzentration blieb unverändert, die Lebensfähigkeit und Beweglichkeit der Spermien verschlechterte sich nach Exposition ausschließlich bei den gesunden Probanden, blieb aber besser als bei den Patienten. Die Konzentration freier Radikale stieg in beiden Gruppen nach Exposition an, die anti-oxidative Kapazität der Proben blieb aber unverändert. Es wurde keine DNA-Schädigung gefunden. Beide Studien weisen gravierende methodische Mängel auf: Die SAR-Werte in den Proben wurden nicht bestimmt, die Temperatur wurde nicht kontrolliert, die Auswertung erfolgte nicht verblindet. In Agarwal et al. (2009) ist die statistische Auswertung nicht nachvollziehbar, einige Angaben fehlen, teilweise widersprechen sich Werte aus Text und Tabellen. Deswegen können aus diesen beiden Arbeiten keine belastbaren Schlüsse gezogen werden.

Falzone et al. (2008) exponierten ebenfalls humane Spermien in vitro für 1 Stunde bei 2 und 5,7 W/kg und verwendeten hierfür eine gut definierte Expositionsanlage. Es wurde generell kein Einfluss auf Mitochondrien und bei 2 W/kg (entspricht dem Teilkörpergrenzwert) auch kein Einfluss auf sämtliche Parameter der Spermienbeweglichkeit gefunden. Bei 5,7 W/kg, d.h. oberhalb des Grenzwertes, war die Zahl beweglicher Spermien unverändert, deren Geschwindigkeit aber reduziert. Die Vitalität der Spermien blieb bei 2 W/kg unverändert, die Spermien waren aber kleiner und reagierten schlechter mit angebotenen Eizellen (Falzone et al. 2010a). Weder bei 2 noch bei 5,7 W/kg wurde ein vorzeitiger programmierter Zelltod bei den Spermien beobachtet (Falzone et al. 2010b). De Iulis et al. (2009), beobachteten bei steigenden SAR-Werten im Bereich von 0,4 bis 27,5 W/kg ein Absinken der Beweglichkeit und Lebensfähigkeit von Spermien sowie einen Anstieg von Mitochondrien und freien Radikalen. Der Einfluss war dosisabhängig und begann nach einer Exposition von 16 Stunden ab etwa 1 W/kg. Vergleichbare temperaturabhängige Effekte wurden bei einer Erwärmung der Proben von 21°C auf 40°C beobachtet. Ungewiss ist der exakte lokale SAR-Wert in der heterogenen Spermien-Probe, denn der mittlere SAR-Wert während der Exposition wurde durch Extrapolation aus Temperaturmessungen in einer Salzlösung bei wesentlich höheren Feldstärken bestimmt. Beide Autoren stellen fest, dass es sich nicht um einen thermischen Effekt handeln könne, da die Proben gekühlt worden seien. Es ist aber anzunehmen, dass bei einer Erwärmung durch elektromagnetische Felder und gleichzeitiger Kühlung die Wärmegradienten anders sind, als wenn keine Erwärmung und Kühlung stattfindet. Da Spermien besonders wärmeempfindlich sind, ist hier ein thermischer Effekt zu erwarten. Generell gilt, dass eine Erwärmung der Hoden und Spermien um mehr als 2°C bzw. über 39°C schädlich ist. Dosimetrische Untersuchungen im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms haben gezeigt, dass bei realistischen Szenarien – z.B. Handy in der Hosentasche – die durch elektromagnetische Felder verursachte Erwärmung der Hoden im Bereich von etwa 0,01 °C liegt. Eine Erwärmung um 0,01°C wird als gesundheitlich unbedenklich bewertet.

Tierstudien

Der Einfluss elektromagnetischer Felder des Mobilfunks auf die männliche Fruchtbarkeit wurde mehrfach auch in Tierstudien untersucht. Malainkot et al. (2009) exponierten 6 Ratten mit einem kommerziellen Mobiltelefon. Im Vergleich zu 6 Kontrolltieren wurde kein Einfluss auf Spermienzahl, aber eine reduzierte Beweglichkeit und ein erhöhter oxidativer Schaden gefunden. Es werden keine Angaben zu den SAR-Werten gemacht, es gibt keine Scheinexposition und keine verblindete Auswertung. Salama et al. (2009a) exponierten Kaninchen mit einem kommerziellen Mobiltelefon im Standby-Modus. Es wurde ein SAR-Wert von 0,43 W/kg angegeben, der aber nur in den kurzen und seltenen Momenten auftrat, in denen sich das Telefon im Netz anmeldete. Es wurde eine deutliche Reduktion der Zahl und der Beweglichkeit der Spermien beschrieben, die von einer reduzierten Fruktosekonzentration in der Samenflüssigkeit begleitet wurde (Salama et al. 2010b). Die Konzentration der Sexualhormone änderte sich bei den Kaninchen infolge der Exposition nicht, das Sexualverhalten war aber beeinträchtigt (Salama et al. 2010a). Angesichts der minimalen Exposition sind diese Ergebnisse fragwürdig (s. hierzu auch Lerchl und Bornkessel 2009, Salama et al. 2009b). Yan et al. (2007) exponierten fixierte Ratten mit kommerziellen Mobiltelefonen bei SAR-Werten im Bereich von 0,9 – 1,8 W/kg und beschrieben als Einzige einen häufigeren Zelltod und das „Verklumpen“ von Spermien, wobei die Gesamtzahl und Morphologie der Spermien unverändert blieb. Anzumerken ist, dass bei vier von acht exponierten Tieren die Parameter den Kontrollen entsprachen. Bei zwei Tieren war die Zahl der lebenden Spermien leicht, bei zwei stark reduziert. Ob es sich um einen ursächlichen oder nur um einen zufälligen Zusammenhang mit der Exposition handelt und warum die Hälfte der Tiere nicht beeinflusst war kann auf Grund der geringen Fallzahlen nicht beantwortet werden.
Den genannten Studien, die Effekte fanden, steht eine Vielzahl von Arbeiten an Labornagern gegenüber, in denen kein Einfluss auf Spermienzahl und ‑morphologie, das Hodengewebe und die Spermatogenese gefunden wurde (Dasdag et al. 2003, 2008, Ozguner et al. 2005, Forgacz et al. 2006, Aitken et al. 2005, Ribeiro et al. 2007). Die Qualität der negativen Studien war im Durchschnitt besser, obwohl auch diese nicht immer allen Anforderungen entsprachen. Zur Exposition wurden häufiger Expositionsanlagen als Mobiltelefone verwendet (Dasdag et al. 2003, Ribeiro et al. 2007), es wurden in den meisten Studien SAR-Werte angegeben (außer Dasdag et al. 2003, Ozguner et al. 2005), und eine Scheinexposition anstatt einer einfachen Kontrolle durchgeführt (außer Ozguner et al. 2005, Ribeiro et al. 2007); in zwei Arbeiten wurden zusätzlich zur Scheinexposition Käfigkontrollen mitgeführt (Forgacz et al. 2006, Dasdag et al. 2008). Als Einzige führten Ribeiro et al. (2007) eine verblindete Auswertung der Proben durch. Einige Veränderungen wurden auch in diesen im Allgemeinen negativen Studien gefunden. So beschreiben z.B. Ozguner et al. (2005) geringfügige histologische Veränderungen im Epithel der Hoden sowie einen gesenkten Testosteronspiegel. Forgacz et al. (2006) fanden demgegenüber geringfügige Veränderungen im Blutbild und einen Anstieg des Testosterongehalts, wobei die Werte im normalen physiologischen Bereich lagen. Ribeiro et al. (2007) fanden in einer sehr umfangreichen Studie keine Veränderung des Testosteronspiegels.

Gesamtbewertung und Zusammenfassung

Eine Gesamtbewertung der vorliegenden Studien zeigt, dass es keinen gravierenden Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf Hoden und Spermien gibt, sondern höchstens geringfügige Schwankungen einzelner physiologischer Parameter. Um die verbliebenen Unsicherheiten zu klären, wurden in mehreren Vorhaben des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms Langzeiteffekte, u.a. auf reproduktive Eigenschaften von männlichen und weiblichen Labornagern über mehrere Generationen hinweg unter dem Einfluss von GSM und UMTS untersucht. Dabei wurde bei Ganzkörperexpositionen im Bereich von 0,08 – 1,3 W/kg kein Einfluss auf Fortpflanzung und Entwicklung gefunden.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass mehrfach ein Zusammenhang zwischen Handynutzung und reduzierter männlicher Fruchtbarkeit beschrieben wurde, es wurde aber nicht unterschieden, ob es sich um den Einfluss der Lebensweise oder der elektromagnetischen Felder handelt. In vitro Experimente deuten nur auf einen thermischen Einfluss oberhalb der Grenzwerte hin. Tierexperimente zeigen in Abhängigkeit von der Studienqualität teilweise widersprüchliche Ergebnisse, insgesamt aber keinen gesundheitlich relevanten Einfluss elektromagnetischer Felder auf die Fruchtbarkeit. Da die beschriebenen Beobachtungen nicht abschließend geklärt sind, empfiehlt die WHO in der Research Agenda 2010 weitere Forschung auf diesem Gebiet, allerdings nicht mit einer hohen Priorität.

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