Andere Wismut-Studien des BfS

Gepoolte Europäische Kohortenstudie: Alpha-Risk und EUROMINER

Innerhalb des EU-Alpha-Risk Projektes wurden die Daten aus den französischen, tschechischen und deutschen Kohortenstudien an ehemaligen Uranbergarbeitern gemeinsam im Hinblick auf Krebsrisiken durch niedrige Strahlenexposition untersucht. Des Weiteren wurde die Strahlendosis für einzelne Organe abgeschätzt und das Risiko berechnet, dass vom jeweiligen Organ eine Krebserkrankung ausgeht bzw. dass die Person an dieser Krebserkrankung verstirbt. Basierend auf dem ersten Follow-up (Beobachtungszeit bis 1998) und mit Beschränkung auf die Subkohorten B und C (Beschäftigungsbeginn nach 1954), wurden die Wismut Daten in das EU-Alpha-Risk Projekt eingebracht, das 2009 auslief.
Um die gepoolten Daten zu aktualisieren und die erfolgreiche Kooperation fortzuführen, wurde das EUROMINER Projekt gestartet, in dessen Verlauf auch ein Pooling mit kanadischen Bergarbeiterkohorten vorgesehen ist.

Eingebettete Fall-Kontroll-Studie zu Lungenkrebs

Für das Lungenkrebsrisiko der Bergarbeiter spielt die Belastung durch Radon und seine Folgeprodukte eine wesentliche Rolle. Es gibt allerdings weitere wesentliche Risikofaktoren für Lungenkrebs, die bei Bergarbeitern ebenfalls zu berücksichtigen sind. Der bedeutendste Risikofaktor ist hier das Rauchen. Hinzu kommen weitere Risikofaktoren wie die berufliche Exposition gegenüber anderen Lungenkarzinogenen, zum Beispiel Arsen oder Asbest. Informationen zum Rauchen oder zur beruflichen Exposition außerhalb der Tätigkeit bei der Wismut sind für die Gesamtkohorte (n = 59000 Bergarbeiter) praktisch kaum vorhanden. Aus diesem Grunde wurden für eine Untergruppe von 700 Lungenkrebssterbefällen (sog. Fälle) und 1400 nicht an Lungenkrebs verstorbenen Kontrollpersonen (sog. Kontrollen) aus der Wismut-Kohorte Informationen zum lebenslangen Rauchverhalten und zum beruflichen Kontakt zu Krebs erzeugenden Substanzen außerhalb der Wismuttätigkeit gesammelt. Dies geschah zum einen über Befragung von Studienteilnehmern oder – im Todesfall – ihrer Angehörigen und zum anderen über Recherchen in den Unterlagen des ehemaligen Gesundheitsdatenarchivs der Wismut.

Ergebnisse

Da Informationen zum Rauchen in der Wismut-Kohorte nur vereinzelt und sehr ungenau vorhanden waren, konnte Rauchen bei der Abschätzung des Lungenkrebsrisikos durch Radon bisher nicht berücksichtigt werden. Falls das Rauchverhalten aber in einem Zusammenhang mit der beruflichen Radonexposition steht, könnte dies theoretisch zu einer Unter- oder Überschätzung des wahren Risikos für Lungenkrebs durch Radon führen. Für 421 Lungenkrebssterbefälle und 620 Kontrollpersonen der Fall-Kontroll-Studie konnte das frühere Rauchverhalten bestimmt werden. Die statistische Auswertung dieser Datenbasis zeigte keine gravierenden Unterschiede im Lungenkrebsrisiko durch Radon mit und ohne Berücksichtigung des Rauchverhaltens. So betrug der Risikoanstieg 0,23% pro WLM mit Berücksichtigung des Rauchens und 0,25% ohne Berücksichtigung des Rauchens. Rauchen stellt also keine wesentliche Störgröße für die Abschätzung des Lungenkrebsrisikos durch Radon in der Wismutkohorte dar. Dieser Teil der Studie wurde über ein Vorhaben der Europäischen Kommission gefördert und 2010 in der Fachzeitschrift „Health Physics“ veröffentlicht. Im Rahmen des Alpha-Risk Projekts (siehe oben) wurden auch in Frankreich und Tschechien vergleichbare Fall-Kontrollstudien bei Uranbergarbeitern durchgeführt und die Daten wurden gemeinsam mit denen der deutschen Studie ausgewertet. Das Ergebnis der gepoolten europäischen Fall-Kontrollstudien wurde 2011 in der Fachzeitschrift „Radiation Research“ veröffentlicht.

Eingebettete Fall-Kontrollstudie zu Leukämien

Aufgrund der hohen Reproduktionsrate der Zellen des blutbildenden Systems sind diese besonders anfällig für strahlenbedingte Entartung. So war auch ein Anstieg der Leukämierate eine der ersten nichtdeterministischen Strahlenschäden, die bei Überlebenden der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki beobachtet wurden. Andererseits wurde bisher nur in wenigen Bergarbeiterstudien eine erhöhte Leukämierate gefunden. Dies hat unter anderem methodische Gründe: Zum einen ist die effektive Strahlendosis, die im roten Knochenmark deponiert wird, in etwa hundertmal kleiner als etwa die Lungendosis. Zum anderen ist auch die Zahl der spontanen Leukämiefälle selbst in größeren Kohorten gering. In der Wismutstudie wurden im dritten Follow-up 168 Leukämietodesfälle beobachtet. Die Knochenmarksdosis von Wismut-Beschäftigten wird zu einem maßgeblichen Teil auch von Röntgen-Vorsorgeuntersuchungen, die zur Silikose- und Tuberkulosefrüherkennung durchgeführt wurden, bestimmt. Daher werden in einer eingebetteten Fall-Kontrollstudie zur Zeit für die 168 an Leukämie Verstorbenen sowie etwa dreimal so viele Kontrollpersonen die durchgeführten röntgenologischen Untersuchungen aus den Gesundheitsdatenarchiv der Wismut erhoben, um das strahlenbedingte Leukämierisiko abschätzen zu können. Die Daten werden momentan im Auftrag des BfS von der Bundesanstalt für Arbeitschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) erhoben.

Studie an Kindern von Wismutarbeitern

Die Frage, ob eine hohe Strahlenexposition der Väter zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den Nachkommen führt, wird zur Zeit in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. So gibt es aus Kanada einen Hinweis auf ein möglicherweise erhöhtes Leukämierisiko von Kindern von Uranbergarbeitern. Um der Frage möglicher genetischer Effekte nachzugehen, führte das BfS eine Machbarkeitsstudie für eine Kohortenstudie bei etwa 7000 Nachkommen von Uranbergarbeitern durch. Eine erste Auswertung der Daten zeigte eine Reihe von methodischen Problemen, die die Aussagekraft einer solchen Studie stark einschränken würden. Dazu zählen ein hoher Prozentsatz fehlender Todesursachen bei den verstorbenen Nachkommen insbesondere für die Sterbejahre zwischen 1950 und 1970, ein beträchtlicher Anteil nicht zu ermittelnder Nachkommen und eine relativ geringe Strahlenbelastung der Gonaden vor Konzeption der Kinder bei den Wismutbeschäftigten. Aufgrund dieser methodischen Probleme wurde beschlossen, dieses Vorhaben nicht weiter zu verfolgen.