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Wildpilze – Bedenkenloser Genuss?
Infoblatt vom Februar 2006

Sind Wildpilze durch radioaktive Stoffe belastet und ihr Verzehr aus der Sicht des Strahlenschutzes bedenklich? Noch heute weisen wild wachsende Pilze erhöhte Konzentrationen von Radiocäsium (Cäsium-137, Cs-137) als Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) auf. Die Höhe der radioaktiven Belastung ist nicht nur von der Pilzart, sondern auch vom Standort abhängig.

Radiocäsiumgehalte in Lebensmitteln

Während in landwirtschaftlichen Erzeugnissen derzeit nur noch geringe Aktivitäten von Cs-137 als Folge des radioaktiven Niederschlages von Tschernobyl nachzuweisen sind, sind die Werte bei wild wachsenden Pilzen im Vergleich noch deutlich erhöht: Gemüse, Getreide und Kartoffeln weisen in der Regel weniger als 1 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) auf. In Maronen und Semmelstoppelpilzen aus Südbayern und dem Bayerischen Wald werden hingegen noch bis zu einigen 1000 Bq/kg gemessen. Steinpilze und Pfifferlinge können mehrere 100 Bq/kg aufweisen, bei Parasolpilzen sind es meist weniger als 100 Bq/kg.
Die genannten Gebiete wurden zehnmal höher kontaminiert als beispielsweise der Norden Deutschlands. In anderen Regionen sind die Aktivitäten in Pilzen wegen der geringeren Ablagerung von Radiocäsium entsprechend niedriger. Kultivierte Pilze sind in der Regel nur gering oder gar nicht belastet.

Ursachen der verschiedenen Radiocäsiumgehalte

Radiocäsium wird in landwirtschaftlich genutzten Böden so stark an die vorhandenen Tonminerale gebunden, dass die Pflanzen es kaum über die Wurzeln aufnehmen können.

Wälder zeichnen sich hingegen durch Auflageschichten aus organischer Substanz auf den Mineralböden aus. Diese fein durchwurzelten organischen Schichten sind reich an Bodenorganismen und Nährstoffen. Da in ihnen die bindenden Tonminerale fehlen, bleibt Radiocäsium für Pilze und Pflanzen verfügbar.
Es wird schnell durch Bodenorganismen, Pilze sowie Pflanzen aufgenommen und in ihnen gespeichert. Wenn über das Jahr Blätter und Nadeln absterben, wird das in ihnen enthaltene Radiocäsium wieder der organischen Auflageschicht zugeführt. Dieser Kreislauf arbeitet sehr wirkungsvoll – das Radiocäsium kann dabei kaum in die tieferen mineralischen Schichten abwandern, wo es gebunden würde.

Durch die lange Verweildauer in der vom Pilzgeflecht durchzogenen Bodenschicht nimmt der Radiocäsiumgehalt bei Wildpilzen nur langsam ab.

Bestehen gesundheitliche Risiken?

Werden Wildpilze normal zubereitet und in üblichen Mengen verzehrt, bestehen keine Risiken für die menschliche Gesundheit.

Wichtig für die Beurteilung des Radioaktivitätsgehaltes der Wildpilze ist die Höhe der Strahlenexposition, die sich aus dem Verzehr dieser Pilze für den Menschen ergibt:
Als Faustregel gilt, dass 80.000 Becquerel Cs-137 bei Erwachsenen einer Strahlenexposition von etwa 1 Millisievert (mSv) entsprechen.

Anders ausgedrückt: Eine Pilzmahlzeit mit 200 Gramm (g) höher kontaminierten Maronenröhrlingen aus Südbayern (4000 Bq/kg) hat eine Exposition von 0,01 mSv zur Folge. In anderen Gegenden oder mit weniger kontaminierten Wildpilzen wird dieser Wert erst nach mehreren Mahlzeiten erreicht.
Das entspricht beispielsweise weniger als einem Hundertstel der jährlichen natürlichen Strahlenexposition, der jeder Mensch ausgesetzt ist. Sie beträgt in Deutschland im Mittel 2,1 mSv, je nach örtlichen Gegebenheiten liegt sie zwischen 1 und 10 mSv.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät aus anderen Gründen, den Verzehr von Wildpilzen auf 250 g pro Woche zu beschränken: Sie können mit Schwermetallen wie Quecksilber und Cadmium angereichert sein, die bei häufigem Genuss Nierenschäden verursachen können.

Was ist zukünftig zu erwarten?

Die Aufnahme von Radiocäsium durch Wildpilze ist abhängig von dem Cs-137-Gehalt ihrer unmittelbaren nährstoffliefernden Umgebung und von der speziellen Fähigkeit der jeweiligen Pilzart, Radiocäsium aufzunehmen.
Nimmt der Gehalt von Cs-137 in der vom Pilzgeflecht durchzogenen Bodenschicht ab, sinken im gleichen Maße die Aktivitätswerte der Wildpilze.

Messungen der Verweilzeiten von Radiocäsium in verschiedenen Bodenschichten lassen im Ergebnis folgende Prognose zu:
In den nächsten Jahren wird die Kontamination von Steinpilzen, Pfifferlingen oder Maronen-

röhrlingen nur langsam zurückgehen. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass bei einigen wenigen Pilzarten, die ihre Nährstoffe bevorzugt aus dem humusreichen Oberboden unterhalb der organischen Auflageschichten beziehen, unveränderte oder leicht erhöhte Radiocäsiumaktivitäten gemessen werden, wenn sich Cs-137 in diesen Schichten anreichert. Zu der kleinen Gruppe von Pilzen gehört beispielsweise der Frauentäubling.

Wichtig zu wissen ist, dass der Radiocäsiumgehalt einer Pilzart innerhalb eines Standortes – unter Umständen nur wenige Meter voneinander entfernt – in der Regel wesentlich stärker schwankt als der Radiocäsiumgehalt der Pilzart an diesem Standort von Jahr zu Jahr.

Grenzwert im deutschen Lebensmittelhandel

Wildpilze aus In- und Ausland dürfen nur gehandelt werden, wenn sie den Grenzwert von 600 Bq/kg für Radiocäsium nicht überschreiten.

Alle in diesem Infoblatt genannten Aktivitätswerte beziehen sich auf frische Wildpilze.

Pilzart

Bq/kg

Semmelstoppelpilz

2400

Maronenröhrling

1100

Trompetenpfifferling

1000

Ockertäubling

800

Steinpilz

300

Fichtenreizker

200

Parasol (Riesenschirmpilz)

20











Repräsentative Aktivitätswerte von Cäsium-137 in Wildpilzen aus Südbayern, 2000 – 2004, gemessen an Nadelwaldstandorten, Bodenkontaminationen zwischen 10.000 und 15.000 Bq/m2




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