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Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz: Unfall in Fukushima vom Ablauf her nicht mit Tschernobyl zu vergleichen

Datum 19.03.2011
Interviewter Wolfram König, Präsident des BfS
Interviewer Georg Ismar, Deutsche Presse-Agentur (dpa)

Wolfram König Wolfram KönigWolfram König, BfS-Präsident von 1999 bis 2017

Der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, hat betont, der Atomunfall im japanischen Fukushima sei nach allen vorliegenden Erkenntnissen nicht mit der Katastrophe von Tschernobyl vergleichbar.

Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (im März 2011) erklärt König, was an Strahlenschutzmaßnahmen in Deutschland getan wird. Eine hochsensible Feinstspurenanalysen-Anlage auf dem Schauinsland bei Freiburg ist sogar in der Lage, das Aufschneiden von Brennelementen in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague festzustellen.

Wie bewerten Sie, auch wenn es aus der Ferne schwer ist, die Lage im Atomkomplex Fukushima?

König: "Was mit allen Mitteln verhindert werden muss, ist, dass es zu einer unkontrollierten Freisetzung von Radioaktivität in großem Maße kommt. Dieses wäre der Fall, wenn das Containment, der Reaktordruckbehälter und der Sicherheitsbehälter zerstört würden."

Was ist in einem solchen Fall zu tun?

König: "Was genau zu tun ist, können nur die Experten vor Ort entscheiden. Die grundsätzliche Möglichkeit ist, als kurzfristige Maßnahme in entsprechenden Umkreisen um die Kraftwerke die Evakuierung vorzunehmen. Das ist ja auch bereits angeordnet worden. Und zweitens kann man in einem weiteren Umkreis durch die Ausgabe von Jodtabletten ein Schädigungspotenzial minimieren, das durch das freigesetzte radioaktive Jod entstehen kann, nämlich als Folge Schilddrüsenkrebs. Dieses ist möglich, in dem man mit nichtradioaktiven Jodtabletten die Schilddrüse so blockiert, dass sie die radioaktiven Jodteilchen nicht aufnehmen kann. Jod hat eine kurze Halbwertzeit von acht Tagen, so dass es eine Möglichkeit ist, hier auch präventiv in solch akuten Situationen tätig zu werden. Es gibt jedoch keinen Grund, hierzulande zusätzlich Jod zu sich zu nehmen. Dies ist gesundheitsschädlich."

Was wurde für die Sicherheitsmaßnahmen aus Tschernobyl gelernt?

König: "Kurz nach Bekanntwerden der Reaktorkatastrophe gab es vor 25 Jahren auch in Deutschland ein Durcheinander der Empfehlungen und Interpretationen der Gefährdung, die mit der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl verbunden sei. Man hat als eine Konsequenz daraus ein umfassendes Messnetz installiert. Das BfS betreibt insgesamt rund 1.800 Messstationen, die online laufend einen Überblick geben, wie hoch die radioaktive Belastung in Deutschland ist. Die Messstellen finden Sie systematisch über das ganze Bundesgebiet verteilt."

Wie helfen diese Stationen bei einem GAU?

König: "Wenn es zu einem Unfall in einem Kernkraftwerk käme in Deutschland oder in einem unserer benachbarten Länder, können wir durch das Verschneiden von Wetterdaten, von topografischen Daten und den Kenntnissen über die Quelle eine sehr belastbare Prognose abgeben, wie sich so eine radioaktive Wolke bewegt und welche Belastungen damit einhergehen. Damit kann man den Katastrophenschutzbehörden, den Polizeibehörden und der Bevölkerung dann seriöse Empfehlungen geben für Schutzmaßnahmen. Das beginnt von entsprechenden Verzehrempfehlungen von Obst und angebautem Gemüse bis hin eben zu Evakuierungsempfehlungen und der Ausgabe von Jodtabletten."

Wie läuft die europäische Zusammenarbeit ab?

König: "Wir haben einen intensiven Austausch mit unseren Nachbarländern auf europäischer Ebene und wir haben eine weitere besondere Messeinrichtung, eine von insgesamt vier Anlagen in Europa und 60 Stationen weltweit. Das ist eine Feinstspurenanalyse auf dem Schauinsland bei Freiburg. Die Anlag misst radioaktive Edelgase. Sie ist Teil der Überprüfungseinrichtungen des Atomwaffenteststoppabkommens. Damit können weltweit radioaktive Stoffe aufgespürt werden, etwa aus Atombombentests. Aber wir können hier auch sehr genau Veränderungen der Radioaktivität in der Atmosphäre feststellen. Diese Anlage ist zum Beispiel so sensibel, dass wir bei einem Wiederaufarbeitungsvorgang im französischen La Hague rund 700 km entfernt von hier nachvollziehen können, wenn es dort zum Aufschneiden von Brennelementen kommt."

Was ist der Unterschied zwischen Fukushima und Tschernobyl?

König: "Meine Sorge gilt dem Schutz der Menschen vor Ort. Gleichwohl werden wir das, was in Tschernobyl passiert ist, in Japan nach dem jetzigen Kenntnisstand mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erleben: Dass große Mengen von radioaktiven Stoffen sehr weit in große Höhen geschleudert werden und sich dann über die gesamte Nordhalbkugel verteilen. In Tschernobyl gab es einen Brand des Reaktors. Dieser Reaktor war graphitmoderiert, das heißt hier hat es brennbares Material unmittelbar im Reaktorkern gegeben. Dieses Feuer hat dazu geführt, dass die Stoffe, die radioaktiven Partikel, sehr hoch in die Atmosphäre gebracht wurden. Ein solcher Brand ist in den japanischen Siedewasserreaktoren nicht möglich. Zweitens hatten wir in Japan bisher eine Wetterlage, die im Falle einer explosionsartigen Freisetzung des Reaktormaterials ein Aufsteigen der radioaktiven Stoffe in große Höhen nicht begünstigt. Aber gleichwohl ist natürlich in einem längeren Zeitraum dann damit zu rechnen, dass auch diese Partikel sich sehr verdünnt in der Atmosphäre verteilen. Dieses könnte man dann auch gegebenenfalls in der Messanlage Schauinsland analysieren."

Stand: 19.03.2011

© Bundesamt für Strahlenschutz