Navigation und Service

Ionisierende Strahlung

Umweltradioaktivität - Medizin - Beruflicher Strahlenschutz - Nuklear-spezifische Gefahrenabwehr

Ionisierende Strahlung

Gesundheitliche Folgen des Unfalls von Tschernobyl in der ehemaligen Sowjetunion

Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl waren sowohl Einsatzkräfte als auch die lokale Bevölkerung einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. Insbesondere Werksangehörige, Feuerwehrleute, Rettungskräfte und Aufräumarbeiter (sogenannte Liquidatoren) erhielten hohe Strahlendosen. Erhebliche Strahlenbelastungen der Bevölkerung wurden vor allem in Gebieten des heutigen Russlands, Weißrusslands und der Ukraine verzeichnet. Die dadurch verursachten gesundheitlichen Folgen werden bis heute untersucht.

Rettungskräfte und Liquidatoren

In den Jahren 1986 und 1987 waren über 240.000 Personen als Rettungskräfte und Aufräumarbeiter (sogenannte Liquidatoren) innerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone eingesetzt. Weitere Aufräumarbeiten wurden bis etwa 1990 durchgeführt. Die Gesamtzahl der für den Einsatz registrierten Liquidatoren betrug etwa 600.000.

Evakuierte Bevölkerung

1986 wurden etwa 116.000 Bewohner aus der unmittelbaren Umgebung des Unfallreaktors evakuiert. In den Folgejahren waren es zusätzlich etwa 220.000 Personen. Im Jahr 2006 lebten noch etwa 5 Millionen Menschen in Gebieten, die als kontaminiert gelten. Für schätzungsweise 100.000 von ihnen beträgt die zusätzliche effektive Dosis durch die Unfallfolgen immer noch über 1 Millisievert pro Jahr.

Bericht des Tschernobyl-Forums

Das Tschernobyl-Forum war eine Arbeitsgruppe mehrerer UN-Organisationen und der Regierungen von Russland, Weißrussland und der Ukraine, die zwischen 2003 und 2005 die wissenschaftliche Aufarbeitung der Folgen des Reaktorunfalls für Mensch und Umwelt vorantrieb. Aus der Arbeit im Forum ging neben Berichten der einzelnen Expertengruppen auch ein Abschlussbericht hervor, der Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zusammenfasst und Empfehlungen für die weitere Forschung gibt.

Akute Strahlenschäden

Liquidatoren

Laut Bericht des Tschernobyl-Forums aus dem Jahr 2005 erlitten 134 Werksangehörige und Feuerwehrleute ein akutes Strahlensyndrom.

In den Folgejahren des Unfalls (bis 2004) verstarben 47 Liquidatoren:

  • 28 Personen starben innerhalb weniger Tage oder Wochen nach dem Unfall. 13 Personen mit einem akuten Strahlensyndrom hatten eine Knochenmarktransplantation erhalten. Nur zwei der behandelten Patienten überlebten.
  • Weitere 19 Personen starben in den Folgejahren (1987 - 2004). Die Todesursache kann aber nicht eindeutig auf die Strahlenexposition nach dem Unfall zurückgeführt werden.

Daneben erhielten einige Personen durch Betastrahlung hohe Hautdosen von bis zu 500 Gray. Diese verursachten schwere Verbrennungen und erschwerten die medizinische Behandlung zusätzlich.

Zwei Personen starben unmittelbar aufgrund schwerer Verletzungen und Verbrennungen durch die Explosion des Reaktors.

Bevölkerung

In der Bevölkerung wurden nach den vorliegenden Berichten keine akuten Strahlenschäden beobachtet.

Spätschäden

Schilddrüsenkrebs

Die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen stieg nach 1986 in der Bevölkerung von Weißrussland, der Ukraine und den vier am stärksten betroffenen Regionen Russlands deutlich an. In den Jahren 1991 bis 2005 wurden rund 6.900 Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Personen festgestellt, die zum Zeitpunkt des Unfalls Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren waren. Diese stark erhöhte Anzahl an Krebsfällen ist zum größten Teil auf die Belastung mit radioaktivem Jod innerhalb der ersten Monate nach dem Unfall zurückzuführen. Das radioaktive Jod wurde vor allem durch den Verzehr von Kuhmilch aufgenommen, außerdem durch Inhalation mit der Luft. Nach Aufnahme in den Körper reichert es sich in der Schilddrüse an. Die Schilddrüsendosen der evakuierten Bevölkerung reichten von 0,05 Gray bis hin zu mehr als 5 Gray.

Andere Tumoren

Für Tumorerkrankungen an anderen Organen liegen bisher keine verlässlichen wissenschaftlichen Belege vor. Es existieren zwar Studien zu Brustkrebs bei Frauen in der Ukraine und Russland, die auf erhöhte Krankheitsraten hindeuten, allerdings haben sie nur eingeschränkte Aussagekraft, weil sie etwa andere Einflussfaktoren neben Strahlung nicht berücksichtigen oder keinen Unterschied bezüglich der Krebsraten in Regionen mit unterschiedlich hoher Strahlenexposition feststellen.

Leukämien

Es gibt Hinweise auf erhöhte Leukämieraten bei Liquidatoren. Die Studien, die das zeigen, haben jedoch Schwächen bezüglich der statistischen Aussagekraft, der Dosisabschätzung und der Verzerrung der Ergebnisse durch nur ungenügend berücksichtigte Einflussfaktoren.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Katarakte

Für Liquidatoren, die eine Strahlenexposition von über 150 Milligray erhalten hatten, wurde in einer Studie eine Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und daraus resultierenden Todesfällen festgestellt. Allerdings berücksichtigt diese Studie neben ionisierender Strahlung keine weiteren Einflussfaktoren wie z.B. Übergewicht, Rauchen oder Alkoholkonsum. Des Weiteren zeigt sich bei den Liquidatoren ein Zusammenhang zwischen der Höhe der Exposition und dem Risiko, an einem Katarakt (Trübung der Augenlinse, Grauer Star) zu erkranken.

Andere Folgen

Bei den am meisten betroffenen Personen der Bevölkerung zeigten sich vermehrt Stresssymptome, Depressionen, allgemeine Angstzustände und medizinisch nicht erklärbare körperliche Krankheitssymptome. Diese Erkrankungen sind als mittelbare Folge des Reaktorunfalls zu werten, nicht aber als direkte Folge der Strahlenbelastung. Auch die unzureichende Information über die Vorgänge in und um Tschernobyl, die Art und Weise der Kommunikation nach dem Unfall, der Zusammenbruch der Sowjetunion sowie die allgemeine Verschlechterung der gesellschaftlichen und ökonomischen Situation können zur psychischen Belastung beigetragen haben.

Stand: 11.07.2017

Wie bewerten Sie diesen Artikel?

© Bundesamt für Strahlenschutz