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Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken – KiKK-Studie

Studienarten

Ökologische Studie

In ökologischen Studien wird die Erkrankungshäufigkeit in verschiedenen Regionen miteinander verglichen (zum Beispiel Umgebung von Kernkraftwerken mit Gesamtdeutschland oder einer definierten Vergleichsregion), um die Frage zu beantworten, ob das Erkrankungsrisiko in einer Region höher ist als in einer anderen. Dabei werden keine Daten für einzelne Personen erhoben. Aussagen zum Einfluss bestimmter Belastungen und individueller Störgrößen auf mögliche regionale Unterschiede können daher nicht gemacht werden.

Fall-Kontroll-Studie

In einer Fall-Kontroll-Studie werden sowohl für erkrankte Personen (Fälle) als auch für nicht erkrankte Personen (Kontrollen), die hinsichtlich Alter und Geschlecht vergleichbar sind, Daten auf individueller Ebene erhoben und miteinander verglichen. Damit soll die Frage beantwortet werden, ob erkrankte Personen häufiger belastet waren als nicht erkrankte.

Das Deutsche Kinderkrebsregister in Mainz führte im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz von 2003 bis 2007 die Studie "Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken" (KiKK-Studie) durch.

Die Studie beschäftigte sich mit der Frage, ob Kinder unter fünf Jahren, die in der Umgebung von Kernkraftwerken wohnen, häufiger an Krebs erkranken als Gleichaltrige aus anderen Gebieten. Bereits zwei vorangegangene ökologische Studien hatten die Erkrankungshäufigkeit in Regionen um einen Reaktor mit der von Vergleichsregionen ohne Reaktor verglichen. Die Ergebnisse dieser Studien ließen einen Zusammenhang zwischen dem Wohnort und dem Auftreten von Krebs bei Kindern unter fünf Jahren vermuten. Mit der KiKK-Studie wurde dieser Zusammenhang genauer untersucht.

Das Ergebnis

Es zeigte sich im Nahbereich um deutsche Kernkraftwerke ein signifikant erhöhtes Risiko bei Kindern unter 5 Jahren, an Krebs zu erkranken. Dieser Befund beruhte im Wesentlichen auf dem Erkrankungsrisiko für Leukämien, wobei hier das Erkrankungsrisiko in etwa verdoppelt war. In Zahlen bedeutet dies, dass im 5-Kilometer-Umkreis um alle Standorte von Kernkraftwerken in Deutschland im Mittel nicht, wie zu erwarten wäre, etwa 1 Kind pro Jahr erkrankt, sondern dass die Krankheit jedes Jahr bei etwa 2 Kindern diagnostiziert wird.

Was die Hypothese eines Einflusses der radioaktiven Abgaben angeht, lässt sich aus den Ergebnissen keine sichere Aussage zur Kausalität zwischen der von Leistungsreaktoren ausgehenden Radioaktivität und erhöhten Erkrankungsraten machen. Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand ist die resultierende Strahlenbelastung der Bevölkerung alleine zu niedrig, um den tatsächlich beobachteten Anstieg des Krebsrisikos zu erklären. Es ist ebenfalls unwahrscheinlich, dass andere in den Untersuchungen ebenfalls betrachtete Verursacher jeweils alleine den Befund erklären können.

Es gibt somit derzeit keine plausible Erklärung für den festgestellten Effekt, der über die 24 Jahre Untersuchungszeitraum ein insgesamt konsistentes Bild mit kleinen Schwankungen zeigt. Denkbar ist ein Zusammenspiel verschiedener Ursachen. Die Interaktion verschiedener Faktoren und die grundsätzlichen Entstehungsmechanismen von Leukämien bei Kindern bilden daher die Schwerpunkte der derzeit laufenden Forschungsarbeiten.

Das Ergebnis der KiKK-Studie hat dazu geführt, dass auch in anderen Ländern – Großbritannien, Frankreich, Belgien, Schweiz, Finnland, USA - entsprechende Studien durchgeführt wurden. Weitere Länder prüfen die Durchführung einer Studie.

KiKK-Studie: Die Fragestellung

Die Studie hatte drei Fragestellungen:

  • Treten Krebserkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren in der Umgebung von Kernkraftwerken häufiger auf?
  • Nimmt das Risiko mit der Nähe zum Standort von Kernkraftwerken zu (negativer Abstandstrend)?
  • Gibt es gegebenenfalls Einflussfaktoren, die das gefundene Ergebnis erklären können?

Zur Beantwortung der Fragen untergliederte sich die Studie in zwei Teile:

Eine Untergruppe aus dem ersten Teil der Studie wurde zu möglichen anderen Einflussfaktoren befragt wie etwa zusätzliche Strahlenbelastung (zum Beispiel durch Röntgenuntersuchungen) oder spezifische Faktoren im Zusammenhang mit der immunologischen Situation des Kindes. Damit wollten die Forscher mögliche Störfaktoren berücksichtigen, die das im ersten Teil gefundene Ergebnis erklären können.

Das Ergebnis: erhöhtes Risiko im Nahbereich

Die Studie ergab einen eindeutigen Abstandstrend im Nahbereich. Das heißt, das Risiko, an einem Tumor oder Leukämie zu erkranken, stieg mit der Nähe des Wohnortes zu einem Reaktor an. Im 5-Kilometer-Umkreis um die Reaktoren wurde im Untersuchungszeitraum von 1980 bis 2003 festgestellt, dass 37 Kinder neu an Leukämie erkrankt sind. Im statistischen Durchschnitt wären 17 erkrankte Kinder zu erwarten gewesen. Etwa 20 Neuerkrankungen sind also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen.

Für Tumoren des zentralen Nervensystems wurde ein umgekehrter (zunehmendes Risiko mit zunehmendem Abstand), für embryonale Tumoren kein Zusammenhang zwischen dem Erkrankungsrisiko und der Nähe des Wohnortes zu einem Kernkraftwerk festgestellt.

Weitere Analysen ergaben, dass der Abstandstrend für Leukämien nur dann zu beobachten ist, wenn der 5-Kilometer-Umkreis in die Analyse mit einbezogen wird, das heißt in einem Abstand größer als 5 Kilometer ist der Trend nicht zu beobachten. Der insgesamt für die gesamte Umgebungsregion beobachtete Abstandstrend beruht also statistisch gesehen auf dem erhöhten Erkrankungsrisiko im 5-Kilometer-Umkreis. Ein statistisch signifikant erhöhtes Risiko zeigt sich allerdings auch, wenn der Nahbereich von 5 Kilometer auf 10 Kilometer ausgedehnt wird, wobei dieser Befund wesentlich durch den Befund des 5-Kilometer-Umkreises bestimmt wird.

Erklärungsversuche

Nach heutigem strahlenbiologischen Wissen kann die in der Studie ermittelte Risikoerhöhung im Nahbereich um die Kernkraftwerke durch deren radioaktive Emissionen alleine nicht erklärt werden. Die für eine Erklärung erforderliche, zusätzliche Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste deutlich höher sein als beobachtet. Daraus kann aber in der Umkehr nicht der Schluss gezogen werden, dass Strahlung als Ursache grundsätzlich ausgeschlossen werden kann. Auch andere denkbare und mit betrachtete Faktoren können den Anstieg des Krebsrisikos alleine nicht erklären.

Es gibt derzeit keine plausible Erklärung für den festgestellten Effekt, der über die 24 Jahre des Untersuchungszeitraums ein insgesamt konsistentes Bild mit kleinen Schwankungen zeigt. Denkbar ist ein Zusammenspiel verschiedener Ursachen. Die Interaktion verschiedener Faktoren und die grundsätzlichen Entstehungsmechanismen von Leukämien bei Kindern bilden daher die Schwerpunkte der derzeit laufenden Forschungsarbeiten.

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Die Studie umfasste 1.592 an einem Krebs erkrankte und 4.735 nicht erkrankte Kinder (Kontrollen, siehe Infokasten) unter 5 Jahren. Die an einem Krebs erkrankten Kinder waren im Deutschen Kinderkrebsregister erfasst. Nach dem Zufallsprinzip wurden zu jedem erkrankten Kind über die Einwohnermeldeämter drei nicht erkrankte Kinder aus der Umgebung der Kernkraftwerke ermittelt. Alter, Geschlecht und Lebensumstände der nicht erkrankten Kinder entsprachen weitestgehend denen der erkrankten Kinder.

Untersucht wurden 41 Landkreise in der Umgebung der 16 Standorte der (west-)deutschen Kernkraftwerke mit insgesamt 22 Atomreaktoren, für die Daten aus dem Kinderkrebsregister vorlagen.

Betrachtet wurde jeweils

  • der Landkreis, in dem sich der Reaktor befindet,
  • der zum Reaktor nächstgelegene Nachbarlandkreis und
  • der nächste östlich gelegene Landkreis (wegen der in Deutschland allgemein vorherrschenden Westwinde).

Abstand Wohnort - Kernkraftwerk

Bei den vorangegangenen beiden ökologischen Studien waren die Erkrankungshäufigkeiten in unterschiedlichen Regionen miteinander verglichen worden, nämlich im Umkreis

  • bis 5,
  • bis 10 und
  • bis 15 Kilometer

Abstand von einem Kernkraftwerk mit der Häufigkeit von Erkrankungen in ausgewählten Vergleichsregionen in Deutschland.

Für die KiKK-Studie konnte der Abstand des Wohnortes zum Kernkraftwerk für jedes Kind auf 25 Meter genau angegeben werden - sowohl für die erkrankten als auch für die nicht erkrankten Kinder. Die Forscher betrachteten bei den erkrankten Kindern den Wohnort zum Zeitpunkt der Diagnose. Für die dem kranken Kind zugeordneten nicht erkrankten Kinder wurde dem entsprechend der gleiche Zeitpunkt gewählt.

Zwei Studienzeiträume – unterschiedlicher Abstandstrend?

Die KiKK-Studie erfasste den Zeitraum von 1980-2003, unterteilt in zwei Studienzeiträume: die ersten 11 Jahre des Betriebs eines
Leistungsreaktors und die restlichen Jahre.

Die vorangegangenen Studien waren zu dem Ergebnis gekommen, dass das Risiko an Krebs oder Leukämie zu erkranken in den ersten 11 Betriebsjahren eines Reaktors höher war als in den restlichen. Entsprechend wurde in der KiKK-Studie auch gefragt, ob sich ein gegebenenfalls zu findender Abstandstrend zwischen dem früheren und dem späteren Zeitraum unterscheidet.

Für den ersten Zeitraum ergab sich ein deutlicherer Abstandstrend als im zweiten Studienzeitraum. Allerdings war der Unterschied statistisch nicht signifikant.

Betrachtung weiterer Risikofaktoren

Das Ziel des 2. Teils der Studie, der eine Befragung beinhaltete, war es, weitere Risikofaktoren mit einzubeziehen, von denen ein Zusammenhang mit dem Krebsrisiko bekannt ist oder vermutet wird (zum Beispiel Geburtsgewicht des Kindes, Faktoren der Schwangerschaft, Pestizidbelastung). Je näher die für die Studie in Frage kommenden Personen am Kernkraftwerk wohnten, umso geringer war aber deren Bereitschaft, am zweiten Teil der Studie teilzunehmen. Daher können die Ergebnisse des zweiten Teils nicht für die Interpretation des ersten Teils der Studie herangezogen werden. Dennoch wurde überprüft, ob die Berücksichtigung der in Teil 2 erhobenen Risikofaktoren zu einer Änderung des beobachteten Abstandseffekts führt. Dies was nicht der Fall.

Die Studie liefert somit Hinweise auf mögliche Zusammenhänge zwischen der Erkrankung und der Nähe des Wohnorts betroffener Kinder zum nächstgelegenen Standort eines Kernkraftwerkes, aber keine Beweise. Der Befund gilt insbesondere für den 5-Kilometer-Umkreis. Als alleinige Ursache sind die radioaktiven Ableitungen unwahrscheinlich. Ein Zusammenwirken mit anderen Ursachen bleibt aber denkbar, zumal sich Erklärungsversuche über andere Verursacher als wenig wahrscheinlich erwiesen. Weitere zielgerichtete Forschung zu den Ursachen kindlicher Leukämieerkrankungen ist somit notwendig.

Stand: 10.12.2014

© Bundesamt für Strahlenschutz