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Forschungsprogramm des BfS zum "Strahlenschutz beim Stromnetzausbau"

Mensch und Strom Auswirkungen des Stroms auf den Menschen

Um den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung zu erhöhen, ist es notwendig, die bestehenden Stromnetze auszubauen und zu verstärken. Hierfür werden nicht nur bestehende Wechselstromleitungen ertüchtigt, sondern auch neue Wechselstromleitungen sowie erstmals Hochspannungsgleichstromleitungen (HGÜ-Leitungen) errichtet, letztere vorzugsweise als Erdkabel. Die vom Ausbau betroffene Bevölkerung steht den notwendigen Maßnahmen zum Teil kritisch bis ablehnend gegenüber. Dabei werden u.a. Befürchtungen zu gesundheitlichen Risiken als Argumente angeführt.

Beim Ausbau der Stromnetze müssen Fragen des Gesundheits- und Strahlenschutzes von Anfang an berücksichtigt werden. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) leistet mit dem Forschungsprogramm zum "Strahlenschutz beim Stromnetzausbau" einen wichtigen Beitrag.

Bestehende Grenzwerte schützen - offene Fragen bedürfen der Klärung

Die Grenzwerte der 26. Bundesimmissionsschutzverordnung (26. BImSchV) schützen vor allen nachgewiesenen gesundheitlichen Risiken statischer und niederfrequenter elektrischer und magnetischer Felder, die von Stromleitungen ausgehen. Es gibt jedoch wissenschaftliche Hinweise auf mögliche gesundheitliche Wirkungen unterhalb der bestehenden Grenzwerte und weitere offene Fragen, die im Forschungsprogramm "Strahlenschutz beim Stromnetzausbau" geklärt werden müssen.

So kann der in mehreren Studien beobachtete statistische Zusammenhang von Expositionen gegenüber niederfrequenten Magnetfeldern und Leukämien im Kindesalter derzeit nicht zufriedenstellend erklärt werden. Auch Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Expositionen gegenüber niederfrequenten Magnetfeldern und dem Auftreten von degenerativen Erkrankungen des Nervensystems (z.B. Amyotrophe Lateralsklerose/ALS, Alzheimer-Demenz) können derzeit nicht abschließend beurteilt werden. Bei den HGÜ-Freileitungen sind es vor allem Fragen zu einer erhöhten Wahrnehmung beziehungsweise Wahrnehmbarkeit elektrischer Felder und zu einer möglicherweise verstärkten Korona-Ionen-Wirkung, die mit dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht zufriedenstellend beantwortet werden können.

Forschung soll Unsicherheiten in der Risikobewertung verringern

Ihr Kommentar ist gefragt

Sie erhalten bis einschließlich 15. September 2017 Gelegenheit, das Forschungsprogramm als Ganzes (siehe unten) und die einzelnen Themenfelder zu bewerten und zu kommentieren. Bitte geben Sie in Ihrem Kommentar das jeweilige Themengebiet an.

Ihre Kommentare werden im BfS ausgewertet und bei der weiteren Planung des Forschungsprogramms berücksichtigt.

Um bestehende wissenschaftliche Unsicherheiten in der Risikobewertung zu verringern und offene Fragen beantworten zu können, wird das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) ein begleitendes Forschungsprogramm zum "Strahlenschutz beim Stromnetzausbau" durchführen. In insgesamt acht Themenfeldern sollen 36 einzelne Forschungsvorhaben durchgeführt werden.

Vorhaben, die der Ermittlung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstandes dienen und die zur Präzisierung der Fragestellungen für weitere Projekte beitragen können, wie z.B. Workshops und Literaturstudien, haben bereits begonnen, wurden durchgeführt oder sind zeitnah geplant.

Themenfelder

1. Aufklärung eines möglichen Zusammenhangs zwischen niederfrequenten Magnetfeldern und neurodegenerativen ErkrankungenEinklappen / Ausklappen

Neurodegenerative Erkrankungen sind Erkrankungen des zentralen oder des peripheren Nervensystems, bei denen es zur Degeneration und zum Absterben von Nervenzellen kommt. Dies führt zu Funktionsstörungen des Gehirns (z.B. Gedächtnisstörungen, Demenzen) und des Bewegungsapparats (z.B. Multiple Sklerose/MS, Parkinson-Krankheit, Amyotrophe Lateralsklerose/ALS).

Es wurden epidemiologische Studien (Beobachtungsstudien am Menschen) durchgeführt, die bei beruflich hoch exponierten Personengruppen einen Zusammenhang zwischen einer starken Magnetfeldexposition und ALS bzw. Alzheimer-Demenz gezeigt haben. Für die Alzheimer-Demenz liegt aus einer Studie ein zusätzlicher Hinweis zu einem Zusammenhang mit Wohnortnähe und Wohndauer an Hochspannungsleitungen vor. Demgegenüber zeigen die Ergebnisse epidemiologischer Studien keinen Zusammengang zwischen Magnetfeldexposition und der Parkinson-Krankheit bzw. MS. Tierexperimentelle Studien konnten die epidemiologischen Befunde bisher nicht bestätigen, auch ist ein Wirkmechanismus nicht bekannt.

Neue epidemiologische Daten und deren zusammenfassende Analysen sollen genutzt werden, um die Datenlage zu einem möglichen Zusammenhang zwischen neurodegenerativen Erkrankungen und Magnetfeldern oder auch Stromschlägen zu aktualisieren. Sollten die bisherigen Erkenntnisse bestätigt werden, wird in Tierstudien und Studien an Zellkulturen die Kausalität des Zusammenhangs überprüft und nach möglichen Wirkmechanismen gesucht.

Forschungsprojekte
1.1. Metaanalyse zum Zusammenhang zwischen neurodegenerativen Erkrankungen und Magnetfeldexposition

Seit Erscheinen der letzten Metaanalyse zu beruflicher Magnetfeldexposition und neurodegenerativen Erkrankungen gab es einige neue Veröffentlichungen. Diese Literaturstudie wird eine zusammenfassende Risikobewertung aller inzwischen vorhandenen Studien liefern, wobei deren Qualität und Aussagekraft nach einem standardisierten Verfahren bewertet wird.

1.2. Gepoolte Analyse zum Zusammenhang zwischen ALS und Magnetfeldexposition

Neuere epidemiologische Studien untersuchten in den betroffenen Berufsgruppen zusätzlich zu Magnetfeldern auch den Zusammenhang zwischen ALS und Stromschlägen. Die Datenlage ist jedoch sehr inkonsistent. Die Originaldaten von qualitativ hochwertigen Studien zu ALS werden statistisch ausgewertet, sodass belastbare Aussagen zum Risiko ermöglicht werden. Dabei werden verschiedene Expositionsszenarien (mittlere Magnetfeldexposition, Stromschläge, etc.) berücksichtigt.

1.3. Internationaler Workshop zum Zusammenhang zwischen neurodegenerativen Erkrankungen und Magnetfeldexposition

Ein Workshop mit eingeladenen Experten erbringt am schnellsten eine Übersicht zum aktuellen Forschungsstand und zu Kenntnislücken, die gegebenenfalls als Basis für zielgerichtete Forschungsvorhaben (Vorhaben 1.4 bis 1.7) dienen können.

Der internationale Workshop ist für den 12. bis 14. Dezember 2017 in München geplant.

1.4. Wirkungen niederfrequenter Magnetfelder auf die Entstehung und den Verlauf von ALS im Tiermodell (in vivo)

Auf Basis der Ergebnisse des Workshops und der analysierten Literatur werden geeignete Tiermodelle und zu untersuchende Endpunkte ausgewählt und Tierversuche unter einer Exposition mit niederfrequenten Magnetfeldern durchgeführt.

1.5. Wirkungen niederfrequenter Magnetfelder auf die Entstehung und den Verlauf von Alzheimer-Demenz im Tiermodell (in vivo)

Auf Basis der Ergebnisse des Workshops und der analysierten Literatur werden geeignete Tiermodelle und zu untersuchende Endpunkte ausgewählt und Tierversuche unter einer Exposition mit niederfrequenten Magnetfeldern durchgeführt.

1.6. Wirkmechanismen niederfrequenter Magnetfelder bei der Entstehung von ALS in Zellkultur (in vitro)

Auf Basis der Ergebnisse des Workshops und der analysierten Literatur werden geeignete Zelllinien (oder Probenmaterial aus den in vivo Studien) und zu untersuchende Endpunkte ausgewählt und Laborstudien mit Zellen unter einer Exposition mit niederfrequenten Magnetfeldern durchgeführt.

1.7. Wirkmechanismen niederfrequenter Magnetfelder bei der Entstehung von Alzheimer Demenz in Zellkultur (in vitro)

Auf Basis der Ergebnisse des Workshops und der analysierten Literatur werden geeignete Zelllinien (oder Probenmaterial aus den in vivo Studien) und zu untersuchende Endpunkte ausgewählt und Laborstudien mit Zellen unter einer Exposition mit niederfrequenten Magnetfeldern durchgeführt.

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2. Bestimmung von Wahrnehmungs- und WirkungsschwellenEinklappen / Ausklappen

Elektrische und magnetische Felder, wie sie von Starkstromleitungen ausgehen, können unter Umständen wahrgenommen und als unangenehm empfunden werden. Niederfrequente Magnetfelder induzieren im Körper elektrische Ströme, die oberhalb der Grenzwerte zur Reizung von Nerven und Muskeln führen. Statische elektrische Felder von HGÜ-Freileitungen können bei hohen Feldstärken direkt wahrgenommen werden. Zudem können sich Metallgegenstände wie zum Beispiel Autos, die sich unterhalb von Stromleitungen aufhalten, elektrisch aufladen. Bei Berührung der Metalloberfläche des Autos durch Personen kann es zu Funkentladungen und Kontaktströmen kommen.

Forschungsprojekte
2.1. Internationaler Workshop zu Wirkungs- und Wahrnehmungsschwellen statischer und niederfrequenter magnetischer und elektrischer Felder und Kontaktströmen beim Menschen

Der Workshop fand am 26./27. Oktober 2016 in München statt. Führende Experten auf diesem Gebiet waren vertreten. Sie gaben eine Übersicht zum aktuellen Forschungsstand. Die jeweils anschließende Diskussion diente der Identifizierung von Kenntnislücken und Forschungsschwerpunkten, die eine Präzisierung der folgenden Forschungsvorhaben ermöglichen.

2.2. Wirkungs- und Wahrnehmungsschwellen statischer elektrischer Felder

In einer experimentellen Studie an Testpersonen wird bestimmt, ab welchen Schwellen und aufgrund von welchem Wirkmechanismus elektrische Felder wahrgenommen werden und ab welchen Werten die Wahrnehmung als störend, bzw. unangenehm oder schmerzhaft empfunden wird. Die vermutete Wahrnehmung mittels der Körperbehaarung wird überprüft. Individuelle Unterschiede, Alters- und Geschlechtsabhängigkeit sowie der Einfluss äußerer Faktoren wie zum Beispiel Temperatur, Feuchtigkeit, Ionisierung und Bekleidung werden berücksichtigt.

An der RWTH Aachen wird derzeit die Studie "Bestimmung der menschlichen Perzeptionsschwelle in statischen elektrischen Feldern der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ)" durchgeführt. Die hier geplante Studie soll die Ergebnisse validieren und erweitern.

2.3. Wirkungs- und Wahrnehmungsschwellen von Kontaktströmen und Funkentladungen bei Hochspannungsgleichstrom und Hochspannungswechselstrom

Eine experimentelle Studie an Testpersonen wird klären, ab welchen Schwellenwerten Funkentladungen und Kontaktströme wahrgenommen und als unangenehm oder schmerzhaft empfunden werden. Die Studie liefert Daten zur individuellen Variabilität sowie zur Geschlechts- und Altersabhängigkeit.

2.4. Wirkungen auf das zentrale und das periphere Nervensystem aufgrund von im Körper induzierten niederfrequenten elektrischen Feldern

Unter Teil- oder Ganzkörper-Exposition wird an Testpersonen untersucht, ab welchen Schwellenwerten niederfrequente Magnetfelder im Körper elektrische Ströme induzieren, die das zentrale und periphere Nervensystem beeinflussen können. Es werden subjektiv nicht wahrnehmbare Einflüsse auf die Hirnaktivität gemessen sowie wahrnehmbare Reize abgefragt. Es wird festgestellt, bei welchen Schwellenwerten die neuronale Aktivität im Gehirn moduliert wird und ab welchen Schwellenwerten Wahrnehmungen und Sinneseindrücke entstehen und als unangenehm empfunden werden. Die individuelle Variabilität sowie Geschlechts- und Altersabhängigkeit werden berücksichtigt. Mit diesem Vorhaben soll die Belastbarkeit der bereits vorliegenden Daten überprüft und die bisher nur grob bekannten Schwellenwerte sollen präzisiert werden.

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3. Ursachenklärung von Leukämien im KindesalterEinklappen / Ausklappen

Niederfrequente Magnetfelder wurden bereits 2001 von der mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) assoziierten Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) als "möglicherweise kanzerogen" (Gruppe 2b) eingestuft. Die Klassifizierung basiert auf der relativ konstant beobachteten statistischen Assoziation zwischen schwachen niederfrequenten Feldern und einem leicht erhöhten Risiko für Leukämien im Kindesalter. Zu diesem Thema initiierte das BfS seit 2008 mehrere internationale Workshops, teilweise in Kooperation mit der WHO, der Internationalen Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (ICNIRP) und anderen nationalen Strahlenschutzbehörden oder Gremien. Im Jahr 2010 wurde zusammen mit pädiatrischen Onkologen eine interdisziplinäre Forschungsagenda erarbeitet mit dem Ziel, die komplexen Ursachen von Leukämien im Kindesalter zu klären. Auf Basis der veröffentlichten Forschungsagenda wurden einige der Themenschwerpunkte aufgegriffen und entsprechende Pilotprojekte initiiert. Die Ergebnisse von 5 Pilotstudien sind veröffentlicht und legen als nächste Schritte die Folgeforschungsvorhaben nahe.

Forschungsprojekte
3.1. Meta-Analyse zum Zusammenhang von Leukämien im Kindesalter, Magnetfeldexposition und schwacher ionisierender Strahlung

Es liegen einige neuere epidemiologische Studien zu Leukämien im Kindesalter und Magnetfeldexposition, aber auch zu schwacher ionisierender Strahlung (Gamma-Strahlung und natürlicher Radonexposition) vor. Die Metaanalyse wird eine bewertende Zusammenfassung aller vorhandenen Studien liefern.

3.2. Gepoolte Analyse zu Leukämien im Kindesalter und Magnetfeldexposition

Neue Studienergebnisse aus mehreren Ländern rechtfertigen eine Aktualisierung der vorhandenen Analysen, die im Jahr 2001 als Datenbasis für die IARC-Klassifizierung "möglicherweise krebserregend" dienten.

3.3. Molekulargenetische Analyse ("deep sequencing") von B-Zell-ALL-Patienten

Neue Sequenziertechniken geben detaillierte Einblicke in den molekulargenetischen Hintergrund von Erkrankungen, aber auch in umweltbedingte Risikofaktoren. Das anspruchsvolle Projekt wird zeigen, ob eine Magnetfeldexposition sich im Genom, Exom, Methylom, Transkriptom oder miRNom widerspiegelt.

3.4. Untersuchungen zum Auftreten von Leukämie bei geeigneten Tiermodellen

Erst seit kurzem steht ein Mausmodell zur Verfügung, das den präleukämischen Zustand einer humanen akuten lymphatischen Leukämie im Kindesalter widerspiegelt. Damit kann erstmals experimentell überprüft werden, ob schwache Magnetfelder (oder auch andere Umweltnoxen) Leukämie auslösen können.

3.5. Untersuchungen zum Immunstatus von Magnetfeld-exponierten Tiermodellen

Seit langem wird auch ein geschwächtes, bzw. nicht ausgereiftes Immunsystem als (Mit-)Ursache für Leukämien im Kindesalter vermutet. Das neue Mausmodell wird klären, ob sich die in Pilotstudien beobachteten Magnetfeldeffekte auf zytotoxische T-Zellen bestätigen lassen. Das Vorhaben wird derzeit am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und experimentelle Medizin ITEM durchgeführt, mit einer Laufzeit vom 01.12.2016 bis 30.09.2019.

3.6. Teilnahme beziehungsweise Beteiligung an internationalen Konsortien, die sich mit den Ursachen von Leukämien im Kindesalter beschäftigen

Leukämien im Kindesalter sind nicht nur komplexe, sondern auch seltene Erkrankungen, die für einen weiteren Kenntnisgewinn eine interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit benötigen. Das BfS beteiligt sich an CLIC (Childhood Leukemia International Consortium), I4C (International Childhood Cancer Cohort Consortium) und dem neuen pädiatrisch-onkologischen Netzwerk GALnet (The Global Acute Leukemia network).

3.7. Internationaler Workshop zum aktuellen Stand der Ursachenforschung von Leukämien im Kindesalter

Seit 2008 organisiert das BfS, zum Teil mit WHO, ICNIRP oder anderen nationalen Strahlenschutzbehörden, regelmäßig internationale Workshops zum Stand der Ursachenforschung von Leukämien im Kindesalter. Im November 2016 fand bereits der 5. internationale Workshop statt, etwa 2-3 Jahre später soll ein weiterer Workshop zum Austausch des Kenntnisstandes stattfinden.

3.8. Beteiligung an einer nationalen Geburts- oder Mutter-Kind-Kohorte

Eine prospektive Kohorte kann Antworten auf viele gesundheitsrelevante Fragen geben und auch auf Fragen und Kenntnislücken eingehen, die sich erst in Zukunft ergeben. Sollten die verschiedenen Interessen im Umwelt- und Gesundheitswesen dazu führen, dass zeitnah eine Geburts- oder auch Mutter-Kind-Kohorte aufgebaut wird, wäre es sinnvoll, auch die Expositionen mit statischen, niederfrequenten und hochfrequenten Feldern zu erfassen.

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4. Ko-Kanzerogenität von Magnetfeldexposition Einklappen / Ausklappen

Tierstudien und in vitro-Studien zur Ko-Kanzerogenität werden von der WHO (2007) als hohe Priorität eingestuft. Eine aktuelle Studie von Soffritti et al. (2016) an Sprague-Dawley Ratten, die lebenslang (pränatal bis zum natürlichen Tod) 20 µT oder 1 mT 50-Hz-Feldern und zusätzlich einmalig im Alter von 6 Wochen einer Dosis von 0,1 Gy ionisierender Strahlung ausgesetzt wurden, zeigte signifikant erhöhte Erkrankungsraten bei mehreren Tumorarten.

Forschungsprojekt
Untersuchung zur Ko-Kanzerogenität von Magnetfeldexposition

In diesem Forschungsvorhaben soll eine mögliche ko-karzinogene Wirkung von Magnetfeldern überprüft werden.

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5. Untersuchung zu einem möglichen Zusammenhang von Magnetfeldexposition und FehlgeburtenrateEinklappen / Ausklappen

Aufgrund einzelner Hinweise zu beruflicher und häuslicher Magnetfeldexposition (z.B. durch die Nutzung von Heizdecken) wurde dieser Endpunkt in die WHO Forschungsagenda aufgenommen, auch wenn die Evidenz als sehr schwach eingestuft wird. Selbst eine schwache Assoziation wäre insgesamt von großer Tragweite, sodass eine Verbesserung der Datenlage angestrebt wird.

Forschungsprojekt
Epidemiologische Studie zum Zusammenhang von Magnetfeldexposition und einem erhöhten Fehlgeburtsrisiko

In diesem epidemiologischen Vorhaben soll das Fehlgeburtsrisiko an einer bereits bestehenden Kohorte mit vorhandenen Daten zu häuslichen und/oder beruflichen Magnetfeldexpositionen ausgewertet werden.

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6. Untersuchungen zum Auftreten, zur Ausbreitung und zur Absorption von Korona-IonenEinklappen / Ausklappen

Durch den bei Hochspannungsleitungen zu beobachtenden Korona-Effekt werden an Freileitungsseilen Luftmoleküle und Teilchen elektrisch aufgeladen und dann zum Beispiel bei Wind seitlich verfrachtet. 1996 wurde in England die Hypothese entwickelt, dass die geladenen Partikel das Risiko der Anwohner für Atemwegserkrankungen erhöhen. Wissenschaftliche Beweise für diese Vermutung gibt es nicht. Die britische Strahlenschutzbehörde (National Radiological Protection Board/NRPB) hat sich 2004 mit dieser Frage befasst. Ein zusätzlich erhöhtes Gesundheitsrisiko durch Luftschadstoffe aufgrund der Aufladung von Partikeln an herkömmlichen Hochspannungswechselstromleitungen (HWÜ-Leitungen) wurde als unwahrscheinlich bzw. sehr gering eingeschätzt.

Da davon ausgegangen wird, dass die Ladungswolken bei HGÜ-Leitungen im Vergleich zu HWÜ-Leitungen zeitlich stabiler sind bzw. sich weiter verbreiten, gewinnt die Hypothese eine neue Bedeutung. Die Frage, ob Luftschadstoffe aus dem Untergrund (z.B. Radon und seine Zerfallsprodukte), aus industriellen Prozessen oder aus dem Verkehr, in Abhängigkeit von ihrem elektrischen Ladungszustand, verstärkt vom Körper aufgenommen werden und somit ein höheres Gesundheitsrisiko darstellen, ist nicht abschließend geklärt.

Forschungsprojekte
6.1. Bewertende Literaturstudie zum Auftreten und zur Ausbreitung von Korona-Ionen

Der wissenschaftliche Kenntnisstand zur Entstehung, Konzentration und Ausbreitung von ionisierten Luftmolekülen und Staubpartikeln wird ermittelt. Ein Vergleich der herkömmlichen HWÜ-Leitungen mit den geplanten HGÜ-Leitungen ist auch in Abhängigkeit von Witterungsbedingungen durchzuführen. Potentielle Gesundheitsrisiken werden ermittelt, Wissenslücken identifiziert und Forschungsansätze sowie geeignete Untersuchungsmethoden vorgeschlagen.

6.2. Erfassung und Verbreitung von Korona-Ionen in der Umgebung von Freileitungen

Aufbauend auf der Literaturstudie werden Mess- und Berechnungsverfahren zur Bestimmung des Entstehens und der Verbreitung von Korona-Ionen (bei Gleich- und Wechselstrom) verwendet. Luftverschmutzung und Witterungseinflüsse werden berücksichtigt.

6.3. Numerische Berechnung der Absorption von ionisierten Partikeln in der Lunge

Anhand von Modellberechnungen wird bestimmt, wie sich die Ionisation auf die Ablagerung von Partikeln in der Lunge auswirkt. Die Partikelgröße, positive oder negative Ladung und die Anzahl der Ladungen werden berücksichtigt.

6.4. Messungen der Absorption von ionisierten Partikeln im Lungenphantom

Durch Messungen an Lungenphantomen wird bestimmt, wie sich Ionisation auf die Ablagerung von Partikeln in der Lunge auswirkt. Die Partikelgröße, positive oder negative Ladung sowie weitere Begleitfaktoren wie Temperatur, Feuchtigkeit und anatomische und physiologische Parameter werden berücksichtigt.

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7. Expositionsanalyse, Expositionsbewertung und aktuelle Daten zur Exposition der allgemeinen BevölkerungEinklappen / Ausklappen

Die bei der Exposition mit niederfrequenten Feldern im Körper hervorgerufenen Feldgrößen können zum Teil nur mit großen Unsicherheiten angegeben werden. So weist der unabhängige Wissenschaftliche Ausschuss der Europäischen Union (Scientific Commitee on Emerging and Newly Identified Health Risks / SCENIHR) zum Beispiel auf einen Mangel an Daten und systematischen Studien zu den dielektrischen Eigenschaften von Geweben bei niedrigen Frequenzen hin. Die WHO empfiehlt in ihrer Forschungsagenda zu niederfrequenten Feldern, dosimetrische Modelle für Gewebe und Gewebestrukturen, die besonders sensitiv für induzierte elektrische Felder sind, zu verbessern. Auch Fachgesellschaften wie IEEE / ICES haben in dem Zusammenhang Forschungsbedarf identifiziert. Hierzu soll ein Beitrag geliefert werden.

Bei der Errichtung und wesentlichen Änderung von Anlagen für die elektrische Energieversorgung sollte aus Vorsorgegründen darauf geachtet werden, dass die Exposition der Bevölkerung nicht wesentlich erhöht wird. Untersuchungen zu niederfrequenten Magnetfeldern in Deutschland, die vor allem vor dem Jahr 2000 durchgeführt wurden, haben zeitlich gemittelte Expositionen von etwa 0,1 Mikrotesla ergeben. Diese Daten sollen aktualisiert werden.

Außerdem sind Anlagen für die elektrische Energieversorgung so zu betreiben, dass keine erheblichen Belästigungen durch Berührungsspannungen (Kontaktströme, Entladung beim Berühren aufgeladener, nicht geerdeter Gegenstände) und Funkenentladungen verursacht werden (Hinweise zur Durchführung der Verordnung über elektromagnetische Felder, Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz, 2014). Das Auftreten dieser Effekte soll näher untersucht werden.

Forschungsprojekte
7.1. Entwicklung und Verfeinerung dosimetrischer Modelle für die Expositionsanalyse und -bewertung

Die Datenlage zu den elektrischen Eigenschaften von Organen und Gewebestrukturen soll weiter verbessert werden. Die Daten sollen genutzt werden, um die beim Einwirken eines äußeren elektrischen oder magnetischen Feldes im Gewebe tatsächlich auftretenden elektrischen Feldstärken besser vorhersagen zu können.

7.2. Erfassung der Magnetfeldexposition der allgemeinen Bevölkerung

Mittels Personendosimetern sollen aktuelle Daten über die Exposition der allgemeinen Bevölkerung gewonnen werden. Zudem sind stichprobenartige Messungen in der Umgebung neuer oder ertüchtigter Leitungen geplant.

7.3. Untersuchungen zum Auftreten von Funkenentladungen und Kontaktströmen

Das Auftreten von Kontaktströmen im Alltag, insbesondere in der Umgebung von Stromversorgungsanlagen, soll untersucht werden. HGÜ-Anlagen sollen wegen der erwarteten höheren Bodenfeldstärken so weit wie möglich in die Betrachtungen einbezogen werden. Zudem sollen dosimetrische Modelle für verschiedene Szenarien und Bevölkerungsgruppen entwickelt werden, mit denen die elektrischen Feldstärken im Körperinneren beim Auftreten von Funkenentladungen und Kontaktströmen gewebespezifisch angegeben werden können.

7.4. Bestimmung elektrischer Felder von Freileitungen

Es sollen Mess- und Berechnungsverfahren zur Bestimmung der Exposition gegenüber elektrischen Feldern von Hochspannungsfreileitungen (Gleich- und Wechselstrom) entwickelt und erprobt werden.

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8. Risikowahrnehmung und RisikokommunikationEinklappen / Ausklappen

Neben Aspekten des Natur- und Umweltschutzes sowie der Beeinträchtigung des Landschaftsbildes prägen Fragen zu den gesundheitlichen Risiken durch statische und niederfrequente Felder die Diskussionen und die Medienberichterstattung. Emotionen und Ängste in der Bevölkerung spielen dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

Die Thematik ist, was die technische Ausgestaltung der Anlagen zur Stromversorgung aber auch die möglichen gesundheitlichen Risiken durch die elektrischen und magnetischen Felder betrifft, sehr komplex. Für die Bürgerinnen und Bürger ist es daher schwierig, alle damit verbundenen Aspekte zu überblicken und zu bewerten. Auch Behördenmitarbeiter und -mitarbeiterinnen sowie politische Mandatsträger verfügen oftmals nicht über ein ausreichendes Fachwissen, um alle Fragen kompetent beantworten zu können.

In diesem Teil des Forschungsprogramms werden die Kenntnisse und die Risikowahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger und deren Informationsbedürfnisse ermittelt. Ausgehend davon wird geklärt, wie die Informationen aufbereitet werden müssen und von wem und wie sie vermittelt werden sollten, um eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen.

Außerdem wird untersucht, welche Faktoren für die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit ausschlaggebend sind und wie die Glaubwürdigkeit der beteiligten Behörden und das Vertrauen in die handelnden Personen sichergestellt bzw. erhöht werden können.

Die Projekte im Forschungsschwerpunkt Risikokommunikation sollen der Verunsicherung der Bürger bezüglich der gesundheitlichen Wirkungen von Stromleitungen entgegenwirken. Ziel ist es, einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich die Bürger anhand der vorliegenden Informationen ihre eigene fundierte Meinung bilden können.

Forschungsprojekte
8.1. Fachgespräch zu verschiedenen Aspekten der Kommunikation im Stromnetzausbau

Um die bisherigen Erkenntnisse aus der sozialwissenschaftlichen Forschung mit der interessierten sowie der Fachöffentlichkeit zu diskutieren, wird zu Beginn des Forschungszeitraumes ein Fachgespräch durchgeführt. Themenschwerpunkte sind Diskursgestaltung, Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Transparenz und "Lessons Learned" aus bisherigen Praxisbeispielen des Stromnetzausbaus.

8.2. Umfragen zur Ermittlung der Besorgnis in der Bevölkerung

Repräsentative und regelmäßige Umfragen bieten eine geeignete Ausgangsbasis, um mit zielgruppenspezifischen Informations- und Kommunikationsmaßnahmen auf die Sorgen und Bedürfnisse der Bevölkerung zu reagieren.

8.3. Untersuchung zur Wirkung von Vor-Ort Expositionsmessungen auf die Risikowahrnehmung sowie die Glaubwürdigkeit von und das Vertrauen in Landesbehörden und Netzbetreiber

Welche Faktoren erhöhen die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen und welche schwächen sie? Wie wirken Vor-Ort-Messungen von Landesbehörden und Netzbetreibern - werden sie als hilfreiches Angebot empfunden? Anhand dieser Fragen soll die derzeitige Strategie zur Information der Bevölkerung überprüft werden.

8.4. Untersuchung zur Rolle von Behörden bei Veranstaltungen

Die Bedeutung der Präsenz von Behörden (Vorträge und Teilnahme an Podiumsdiskussionen) bei Informationsveranstaltungen wird ermittelt. Wege der Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung sollen erforscht werden. Ansatzpunkte, die Kommunikation von Behörden bei Veranstaltungen zu verbessern und das Vertrauen in Behörden zu stärken, werden ermittelt.

8.5. Untersuchung der Möglichkeiten von lokalen Behörden (Gesundheitsämter, Amtsärzte und Immissionsschutzämter) als Multiplikatoren für die Risikokommunikation beim Stromnetzausbau

Über Interviews werden die Bereitschaft und die Möglichkeiten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verschiedener Behörden (Gesundheitsämter, insbesondere Amtsärzte und Immissionsschutzämter) ermittelt, als Multiplikatoren für die Risikokommunikation beim Stromnetzausbau tätig zu werden. In den Interviews wird das vorhandene Wissen zum Strahlenschutz beim Netzausbau erfragt. Aus den Ergebnissen ergibt sich der Bedarf an zusätzlicher Information auch im Hinblick auf die operative Durchführung von Veranstaltungen zur Risikokommunikation. Es wird ein Tool zur Unterstützung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zur Vermittlung der notwendigen Informationen (z.B. Online-Fortbildung, Videos mit Musterpräsentationen, FAQ's, Infobroschüren) entwickelt. Auch werden die benötigte Form und die Art der Verbreitung dieses Tools ermittelt. Dieses Tool wird in Zusammenarbeit mit der Zielgruppe überprüft, optimiert und evaluiert.

8.6. Evaluation von Risikokommunikationsmaßnahmen

Wie müssen Informationen präsentiert werden, damit sie für die Anwohner zugänglich sind und angenommen werden? Werden die angebotenen Informationen in der passenden, verständlichen Form am richtigen Ort präsentiert? Die Beantwortung dieser Fragen trägt zu einer Gestaltung des Informationsangebots bei, das dem Bürger/der Bürgerin ermöglicht, sich eine eigene fundierte Meinung zu bilden.

8.7. Untersuchung zur Meinungsbildung

Wie müssen Informationen aufbereitet sein, um von den Adressaten (hier Anwohnern) angenommen zu werden? Eine Analyse der ausgetauschten Meinungen, des "Glaubens", des "Wissens" sowie der Bereitschaft zum Austausch über Meinungen und Bewertungen im Stromnetzausbau wird durchgeführt.

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Stand: 14.07.2017

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